Bern

Schauspielchefin: «Was für ein Theater wollen Sie denn?»

BernMit drei Premieren in sechs Tagen setzt Konzert Theater Bern zum Schlussspurt der Saison an. Schauspielchefin Iris Laufenberg sagt, was sie vom Berner Publikum hält – und von der Diskussion um die Unterfinanzierung der freien Szene.

Es geht aufwärts: Spartenleiterin Iris Laufenberg im Bühnenbild zum Stück «Biedermann und die Brandstifter», das am Samstag Premiere feiert.

Es geht aufwärts: Spartenleiterin Iris Laufenberg im Bühnenbild zum Stück «Biedermann und die Brandstifter», das am Samstag Premiere feiert. Bild: Urs Baumann

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Frau Laufenberg, halten Sie das Berner Publikum für inkompetent?
Iris Laufenberg: Nein, wie kommen Sie denn darauf?

Beim «Kulturstammtisch» der Stadt Bern haben Sie gesagt, die Berner seien sehr «freizeitorientiert» und gingen am Wochenende lieber in die Berge als ins Theater.
Das ist doch keine Kritik am Publikum, sondern die schlichte Beschreibung einer Tatsache, die sich für das Schauspiel ganz einfach mit den Auslastungszahlen belegen lässt. In einer Stadt wie Bochum sind die Wochenendtage die besten fürs Theater, weil dort die Stadt von weiteren Städten umgeben ist. Aber die Stadt Bern liegt nun mal quasi mitten in den Bergen. Ich verstehe gut, dass man hier am Sonntag die schöne Landschaft geniessen will.

Fahren Sie selbst gerne in die Berge?
Hmm.

Wandern? Ski laufen?
Manchmal muss ich mit. Ich habe mich auch wieder auf die Ski gestellt, aber auch nur, weil meine Familie so skibegeistert ist. Mein Mann, ein Bayer, liebt die Berge über alles. Ich fahre lieber mit der Gondel.

In der letzten Saison hatte das Theater im Grossen Haus zu wenig Publikum. Die Zahlen sind eingebrochen.
Sie mussten zurückgehen. In der letzten Saison meines Vorgängers Erich Sidler wurde noch mal alles gespielt, was in den Jahren zuvor Erfolg hatte. Ich fing produktionsmässig bei null an.

Sieht es diese Saison besser aus?
Ja, das Publikum kommt, auch ins Stadttheater. Die ersten fünf Vorstellungen von «Maria Stuart» liegen weit über dem Schnitt im letzten Jahr. Und in der Vidmar läuft alles bombe. Wir haben 93 Prozent Auslastung.

Ihr Vorgänger hat auch in der Öffentlichkeit für den Stellenwert seiner Sparte innerhalb des Hauses gestritten. Wie behaupten Sie sich gegen die Oper?
Ich war gerade mit Opernchef Xavier Zuber essen, und wir haben uns trefflich ausgetauscht. Wir besprachen, wie die Zusammenarbeit in der nächsten Saison aussehen wird. Von Streit kann überhaupt keine Rede sein, wir haben eine sehr konstruktive Diskussionskultur. Es gibt auch keine Hierarchiekonflikte zwischen den Sparten. Wie sich das Vierspartenhaus Konzert Theater Bern positioniert, ist die Aufgabe von Direktor Stephan Märki, und der macht das vorzüglich.

Als Sie nach Bern kamen, erhielt die Theatersparte mehr Geld, um das Ensemble aufzustocken. Davon haben wir noch nichts gemerkt.
Geld investiere ich ins Ensemble, in die Gäste, in Regieteams. Künftig muss ich das Ensemble stärken, aber dafür müssen wir erst sehen, welche Schauspieler zu uns passen. Daher investiere ich derzeit noch mehr in Gäste.

Sie kommen von der Gegenwartsdramatik. Würden Sie am liebsten auf Klassiker verzichten?
Nein! Die Klassiker hat man zwar alle schon mehrfach gesehen, wenn man 20 Jahre am Theater gearbeitet hat. Die Aufreger der verschiedenen Lesarten sind dann wichtig, anders als bei neuen Texten, die wir zum ersten Mal lesen. Mich interessiert beides.

Das heisst, dass man einen «King Lear» gegen die Wand fahren muss, wie das Regisseurin Lisa Nielebock gemacht hat? Das versteht niemand.
Finden Sie? Was für ein Theater wollen Sie denn?

Packen muss es mich.
Bei einem Stoff, den man als bekannt voraussetzen kann, sucht man entweder einen neuen Zugang wie bei «King Lear». Oder man hält sich an die Dramaturgie des Stückes wie bei Schillers «Maria Stuart». Und trotz Kürzung um vierzig Prozent des gesamten Textes dauert der Abend drei Stunden. Das halten andere für zu schwierig.

Haben Sie Verständnis für die Ablehnung starker Zugriffe auf Klassiker?
Ich habe Verständnis für jede Diskussion um Regiearbeiten. Ich glaube auch, dass ich für eine Vielfalt von Regiestilen und für verschiedene Handschriften stehe. Kein Stück kann jedem gefallen.

In Bern fordert die freie Theaterszene mehr Geld. Zu Recht?
Ich hab ein Problem mit dem Begriff «Freie Szene». Es ist ja nicht so, dass es da die Freien gibt und dort die Angebundenen. Fakt ist, dass auch Konzert Theater Bern mit freien Schauspielern zusammenarbeitet. Der Streit entbrennt immer daran, dass die subventionierten Institutionen mehr Geld erhalten als die Freien.

Das ist aber doch so.
Man muss das Gesamte betrachten. Ist es eine Alternative, das Geld den Institutionen wegzunehmen und den Freischaffenden zu geben? Das bringt niemandem etwas. Wir arbeiten blendend mit den Freien zusammen, auch mit Institutionen wie dem Schlachthaus. Und: Die Kulturförderung ist gut in der Schweiz. Im Vergleich dazu ist die Lage der Schauspieler zum Beispiel in Berlin sehr prekär.

Bevor Sie nach Bern kamen, haben Sie 10 Jahre lang das Theatertreffen in Berlin geleitet. Sie sind hier weniger im Fokus der Theaterwelt. Was sind Ihre Ambitionen in Bern?
Ich will in Bern Impulse geben mit Regisseuren, die schon an anderen Orten erfolgreich inszeniert haben. Wir werden damit sehr wohl wahrgenommen. Mit der «Trilogie der Träume» fahren wir nach Mühlheim an die Theatertage, das wichtigste Treffen für Gegenwartsdramatik. Das Theater wird auch anderswo diskutiert, und das macht mir Freude.

Wie lange bleiben Sie Bern erhalten? Ist Ihr Engagement nur ein Zwischenspiel?
Es gibt so viele Aspekte, die zu bedenken sind. Mein Vertrag läuft zunächst drei Jahre. Danach schauen wir, wie es weitergeht. Ich möchte gerne darauf aufbauen. Wichtig ist auch, was meine Familie dazu sagt. Sie ist schliesslich meinetwegen nach Bern gezogen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.03.2014, 15:28 Uhr

Schauspiel-Premieren von Konzert Theater Bern

Kein Theater im Bunker wegen Steinschlaggefahr

Mit drei Premieren in sechs Tagen startet die Theatersparte von Konzert Theater Bern (KTB) ins letzte Drittel der Saison. Im Stadttheater wird am Samstag (19.30 Uhr) «Biedermann und die Brandstifter» von Max Frisch in einer Inszenierung von Claudia Meyer mit Stéphane Maeder als Gottlieb Biedermann gezeigt.

Am kommenden Dienstag (19.30 Uhr) folgt in der Vidmar 2 «Tief in einem dunklen Wald» von Neil Labute. Sophie Hottinger und Nico Link spielen die Geschwister Betty und Bobby, die nach der Wahrheit ihrer Familie suchen. Regie: Mario Matthias.

«Volpone oder der Fuchs» von Ben Jonson schliesst am kommenden Freitag (19.30 Uhr) die Premierenserie ab. Claudia Bauer inszeniert die 1606 uraufgeführte und 1926 von Stefan Zweig überarbeite Komödie. Unter anderem wird dem reichen Volpone (Andri Schenardi), und der Schmarotzerin Mosca (Julia Gräfner) tierisch der Spiegel vorgehalten.

Nicht wie angekündigt im Bundesratsbunker in Bolligen wird «Ich werde hier sein im Sonnenschein» von Christian Kracht gezeigt. Nachdem ein geologisches Gutachten befunden hat, dass dort Steinschlaggefahr bestehe, musste sich Konzert Theater Bern nach einer neuen Spielstätte umsehen – und fand sie in einem Steinbruch. Wo genau sich dieser befindet, will KTB indes nicht bekannt geben, weil es dort keine Parkmöglichkeiten gebe.

Die Theatergäste werden für die Vorstellungen (ab 17.Mai) mit einem Reisecar vom Stadttheater zum Steinbruch gefahren. Schon während der Fahrt folgt der erste Teil von Jan-Christoph Gockels Inszenierung. Im Steinbruch wird dann open air und ohne Bühne gespielt.

Berner Stadtrat will Subventionen fürs Theater Matte

Eine unheilige Allianz im Stadtparlament drängt darauf, dass das Theater Matte öffentliche Betriebsbeiträge erhält. Nun muss der Gemeinderat aufzeigen, wie sich die Unterstützung finanzieren lässt.

100'000 Franken. So viel Geld fehlt dem Theater Matte. Mindestens. Sagt das Theater Matte. «Für uns geht es um die Existenz: Wenn wir nicht ab der Saison 2015/2016 mit einem jährlichen Beitrag von mindestens 100'000 Franken an die Betriebskosten unterstützt werden, müssen wir schliessen», hält die künstlerische Leiterin Livia Anne Richard fest.

Erfolgreiches Lobbying

Letztes Jahr lancierte das Theater eine Petition, um Druck auf Stadt und Kanton zu machen. Rund 750 Unterschriften kamen zusammen. Nun scheint das Lobbying zu fruchten: Mit 45 gegen 12 Stimmen (bei 13 Enthaltungen) hat der Stadtrat am Donnerstag ein entsprechendes Postulat überwiesen.

Es fordert den Gemeinderat auf, in einem Bericht aufzuzeigen, wie die Institution staatlich unterstützt werden kann. Dabei soll die Regierung ausloten, wie der Beitrag im städtischen Kulturbudget zu «kompensieren» sei.
Man reibt sich die Augen. Aus mehreren Gründen. Einigermassen seltsam mutet an, dass sich ausgerechnet die SVP für die Subventionierung des Theaters ins Zeug legt. Der Gemeinderat sei gefordert, «dazu beizutragen, dass dieser wertvolle Kulturraum der Stadt Bern erhalten bleibt», heisst es im Postulat, eingereicht von SVP-Stadtrat Ueli Jaisli. Wie kommt das? «Mir gefällt dieses Dialekttheater, das mit sehr, sehr viel Herzblut betrieben wird», hält Jaisli auf Nachfrage fest. «Im Theater Matte sind sehr talentierte Leute aktiv, die Produktionen sind von hoher Qualität.»

So viel Theateraffinität ist man sich sonst eher von der Kulturlinken gewohnt. Und tatsächlich: Die SP stimmt in den Chor der Matte-Supporter ein. «Im Theater Matte wird gute, unterstützungswürdige Arbeit geleistet», sagt SP-Stadtrat David Stampfli. Dank der unheiligen Allianz wurde das Postulat mit klarer Mehrheit durchgewinkt.
Widerstand leisteten die Fraktionen von FDP und GFL/EVP. «Laientheater» sei zwar eine tolle Sache. Es könne aber nicht an der öffentlichen Hand sein, auch noch solches zu unterstützen, hiess es vonseiten der FDP – wobei strittig ist, inwieweit die Bezeichnung «Laientheater» für das Theater Matte zutrifft.

Zumindest die Strukturen sind professionell. «Für die FDP ist etwas offenbar nur dann Kultur, wenn es mit Hochglanz daherkommt», hält Stampfli der FDP entgegen. «Unserer Meinung nach soll die Kulturstadt Bern aber für grosse und kleine, klassische und alternative Anbieter offen sein.»

Offene Fragen

Manche Fragen stehen nun im Raum. Eine davon: Ist es nicht bedenklich, dass der Stadtrat Subventionen umverteilen will, bevor das fällige Kulturkonzept steht? «Der Gemeinderat soll prüfen, ob und wie das Theater Matte unterstützt werden könnte. Dieser Auftrag passt in die aktuelle Phase, in der ohnehin eine neue Kulturstrategie erarbeitet wird», antwortet Stampfli.

Und wo soll der geforderte Betrag von 100'000 Franken «kompensiert» werden? «Wir wollen nicht einer bisher unterstützten Institution etwas wegnehmen», beteuert Livia Anne Richard. «Ansonsten ist es uns aber egal, woher die Stadt das Geld nimmt.»

Kultursekretärin Veronica Schaller war für eine Stellungnahme gestern nicht erreich-
bar. Der Gemeinderat äusserte sich im Parlament nicht zum Geschäft, empfahl aber, das Postulat für erheblich zu erklären.

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