Rauer Puls unter der polierten Oberfläche

Komplexe Psychogramme zeigt das Berner Ballett mit Uraufführungen von Cathy Marston und Andrea Miller.

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«Clara» heisst die 50-minütige Choreografie, mit der Berns Ballettchefin Cathy Marston den zweiteiligen Ballettabend «Auf immer und ewig» eröffnet. Man rätselt. Welche Clara? Düster ists, wie in einem mittelalterlichen Klostergemäuer, in der Vidmarhalle. Roh sind die Wände, alles freigelegt wie ein Seelenraum nach der Beichte. Es könnte Klara gemeint sein, die Heilige von Assisi, die im 12. Jahrhundert den Orden der Klarissen gegründet hat. Aber da steht ein Flügel. Vielleicht eher Clara Haskil, die legendäre Pianistin? Oder die Clara, die nicht gehen kann, aus Johanna Spyris «Heidi»? Oder Clara aus Tschaikowskys «Nussknacker»? Cathy Marston meint Clara Wieck. Das Wunderkind, das nicht nur als bedeutendste Pianistin seiner Zeit in die Geschichte eingeht, sondern vorab als Ehefrau des Komponisten Robert Schumann.

Aus Paar- wird Dreiecksbeziehung

37-jährig wird Clara Witwe. Sie beginnt ein kräfteraubendes Wanderleben, um sich und ihre acht Kinder durchzubringen. Eine starke Frau, die sich zwischen schwierigen Männern zu bewähren hat. Claras Vater ist ein vom Ehrgeiz besessener, gestrenger Tyrann und Pädagoge, der in ihr das Aushängeschild seiner pianistischen Methode sieht. Er kontrolliert und gängelt sie. Sie flüchtet in die Arme von Robert Schumann. Doch auch er ist ein kranker Geist. Ein Depressiver, der sich stets am Abgrund bewegt, einer, der befürchtet, die Kontrolle über sich zu verlieren und irgendwann den Verstand. In Clara findet er Halt. Sie stimuliert sein Genie, ist für ihn Mutter, Geliebte und Muse in einer Person. Dann kommt der junge Johannes Brahms in ihr Leben. Und verliebt sich in Clara. Das Komplizierte wird noch komplizierter. Aus der Paar- wird eine Dreiecksbeziehung. Eine in Freundschaft – aus Brahms und Clara Schumann wird nie ein Liebespaar.

Das Komplexe schreckt Cathy Marston nicht. Im Gegenteil. Eine Geschichte interessiert sie, wenn sie sie aus neuen Blickwinkeln beleuchten kann. Mit Vorliebe fokussiert sie auf eine Figur, die eher am Rande steht, und gibt ihr im Tanz eine eigene Stimme und Identität. Nach diesem Konzept hat sie auch in früheren Stücken gearbeitet, in «Julia und Romeo», «Gespenster», «Sturmhöhe» oder auch im «Feuervogel».

Der Tanz in Konkurrenz zur Musik

Hui-Chen Tsai wird der vielschichtigen Rolle der Clara rundum gerecht. Durch ihre expressive differenzierte Gestaltung erhält das Widersprüchliche der geprüften Musikerin Gewicht und Tiefe. Zu Beginn steht sie neben dem Flügel, die flache Hand am schwarzen Pianokörper, so, als spürte sie unter der glatt polierten Oberfläche den rauen Puls ihres bewegten Schicksals pochen. Am Ende wird sie wieder hier stehen. Als Überlebende aus ihrer eigenen Vergangenheit, die die deutsche Pianistin Sonja Lohmiller mit melancholischem fis-Moll grundiert. Dunkel, beklemmend und zärtlich. Es sind Clara Schumanns Variationen über ein Thema von Robert. Weitere Pianostücke folgen diesem Opus 20. Und Lieder: «Widmung», «Zwielicht», «Mondnacht», «Die alten bösen Lieder». Benoît Capt gestaltet sie frei, mit schön geführtem Bariton. Doch die Gesangstexte sind eine Konkurrenz zum Tanz. Man muss sich entscheiden, entweder aufmerksam hören oder schauen.

Raffiniert und verletzlich sind die Bewegungsbilder, die Cathy Marston für das Unaussprechliche in den Beziehungen findet. Am stärksten ist sie da, wo sie ein Paar aus nächster Nähe fokussiert. Dann scheinen die kontrastreich temperierten Emotionen aus den Seelen hervorzubrechen. In Analogie zur Musik, die das bewegte Psychogramm mit Licht und Schatten, Dur und Moll grundiert. Und den Textfetzen des Sängers, an denen das Ohr im Vorübergehen hängen bleibt.

Zuweilen vermag der Spannungsbogen nicht ganz über die kurzen Musikstücke hinaus zu tragen. Auch ist nicht immer klar, wer auf der Bühne nun wer ist, oder was einzelne Szenen bedeuten. Dann hält man sich an Clara und Robert (Erick Guillard). Das Paar wird umspielt von den Tanzenden des Ensembles. Wie die Terzen in einem Akkord greifen sie in die Gefühlsharmonien ein, verwandeln, verwischen oder verstärken, was im Brennpunkt passiert. Als Bewegungschor in hellblauen Trikots kommentieren sie (in langsamen Bewegungen), formieren sich zu rollenden und stehenden Mauern, ziehen Grenzlinien, öffnen Gräben. Und verhelfen der schwermütigen Szenerie, in der hinter tanzenden Rücken Verzweiflung, Einsamkeit und Wahnsinn lauern, zu berührender Intensität.

Phänomene des Gruppenzwangs

Einzelfiguren und Gruppe stehen einander auch in Andrea Millers Choreografie «Howl» (das heisst Gebrüll, Geheul) gegenüber. Inspiriert durch die Installation des Chinesen Cai Cuo-Qiang im Guggenheim Museum in Bilbao, die ein Wolfsrudel zeigt, untersucht die Amerikanerin die Phänomene des Gruppenzwangs und den Verlust von Individualität.

Grossartig ist die Verwandlungsfähigkeit des Berner Ballettensembles. Zur Musikcollage ab Band (von Tim Hecker, Black Dice bis Maria Koré oder Allen Ginsberg) entspinnt sich auf türkisgrüner Fläche ein skurriler tempogeladener Reigen. Lustig diese Truppe. Eine absurde Gesellschaft, die an radikale Figuren aus Stücken von Maguy Marin erinnern. Das Ensemble steckt in weissen Kappen und Stramplern. Breitbeinig stapft es in tumber Synchronität vor- und seitwärts, ein Dauerlächeln ins Gesicht gebrannt. Der Bruch kommt schneller als erwartet.

Die anonymen federnden Körper verwandeln sich in geduckte, kriechende Wesen, die ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle haben. Später in unberechenbare Monster, die im rauchigen Niemandsland zur monotonen Elektrokulisse ihre Toten verspeisen. Als zum plötzlichen Schluss über der Szene befreit eine Frau mit offenen Haaren schwebt – eine Clara vielleicht – ist das Publikum in der ausverkauften Vidmarhalle erleichtert. Nach so viel inhaltlicher Schwere lässt es sich den Lichtblick gerne gefallen. (Der Bund)

Erstellt: 26.04.2010, 08:18 Uhr

Vorstellungen

Nächste Vorstellung im Vidmar am 28. April. Weitere sechs Vorstellungen bis 15. 6. www.stadttheaterbern.ch

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