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Nach dem Eklat um Schauspielchefin Gräve bleiben Fragen

BernDas Schweigen geht weiter: Zur sofortigen Freistellung von Schauspielchefin Stephanie Gräve will Konzert Theater Bern keine Stellung nehmen. Die drängendsten Fragen rund um den Eklat.

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1.Wie teuer wird der Rauswurf von Stephanie Gräve?
Das hängt von den Abfindungsverhandlungen zwischen dem Theater und Gräve ab. Im ungünstigsten Fall fürs Theater verhandelt die Spartenleiterin hart und erhält einen erheblichen Teil des Lohnes, der ihr gemäss ihres Vierjahresvertrags zusteht.

So können für das Theater Mehrkosten in Höhe von mehreren Hunderttausend Franken entstehen. Doch damit rechnet Konzert Theater Bern (KTB) laut Kommunikationschef Jens Breder nicht: «Bis zur Saison 2017/2018 entstehen uns keine Mehrkosten, da Intendant Stephan Märki die Schauspieldirektion übernimmt. Dar­über hinaus gehen wir nicht davon aus, dass Stephanie Gräve bis zum Ende ihrer Vertragslaufzeit 2018/2019 ohne Job sein wird.»

2.Was rechtfertigt die Freistellung?
Die sofortige Freistellung ist ein drastischer Entscheid, aber juristisch im Vergleich zur fristlosen Entlassung eine risikoarme Lightversion. Bei der Freistellung wird im Prinzip der Lohn weiterhin bezahlt, falls sich nicht eine andere Lösung finden lässt. Gräve dürfte einen schweren Stand haben, die Freistellung juristisch anzufechten.

Alles spricht für die These, dass der Vorfall, der zum Abgang führte, gar nicht so drastisch war. Direktor Märki dürfte wegen der Auseinandersetzungen mit Gräve verärgert gewesen sein. Doch offenbar gab es keine Verfehlungen Gräves, die eine wasserfeste Grundlage für eine fristlose Entlassung geboten hätten – mit der man sich die Abfindung hätte sparen können.

Was genau vorgefallen ist zwischen KTB-Direktor Märki und der Schauspielchefin Gräve, bleibt offen. Dass ein Zusammenhang besteht zur gefloppten Produktion «Othello» von Regisseurin Claudia Meyer, der ehema­ligen Lebensgefährtin von Märki, wird vom Theater dementiert.

3.Welche Rolle spielte der Stiftungsrat?
Laut Jens Breder hat sich der Stiftungsrat «einstimmig» für die Freistellung ausgesprochen. Das Aufsichtsgremium besteht aus Präsident Benedikt Weibel, den Vizepräsidenten Marcel Brülhart und Guy Jaquet sowie Katrin Diem, Dominique Folletête, Markus Hongler und Peter Stämp?i. Auch der Stiftungsrat äussert sich nicht zum Entscheid.

Formal hat der Stiftungsrat korrekt gehandelt. Nach dem Antrag Märkis hörte er die Schauspielchefin an, beriet über den Antrag und fällte dann die Entscheidung. Dennoch bleiben die Fragen: Wie gut hat er vor der Wahl Gräves, die bloss eineinhalb Jahre zurückliegt, die Kandidaturen geprüft? Vertraut er seinem Theaterdirektor blind?

4.Wie reagieren die Geldgeber?
Konzert Theater Bern wird zu grossen Teilen öffentlich finanziert: von der Stadt Bern, den Regionalgemeinden und dem Kanton. Gemäss Leistungsvertrag mit der Stadt ist KTB verpflichtet, «umgehend über besondere ­Vorkommnisse» zu orientieren. Doch das Interesse scheint nicht besonders gross zu sein: «Stadtpräsident Tschäppät will sich vorerst nicht zu diesem Personalentscheid äussern, weil er die Hintergründe nicht kennt», lässt sein Sprecher Walter Langenegger verlauten.

Auch der Vorsteher des kantonalen Amtes für Kultur, Hans-Ulrich Glarner, lässt sich nicht auf die Äste hinaus: «Konzert Theater Bern ist unabhängig in seiner Entscheidung, und in die mischt sich der Kanton nicht ein. Am Schluss zählt für uns, dass der Leitungsvertrag erfüllt wird und der Betrieb aufrechterhalten bleibt.» Klar ist: Zusätzliche Beträge gibt es nicht, um ein Loch zu stopfen.

5.Hat Märki überhaupt die Kapazitäten, die Theatersparte zu führen?
Dass ein Intendant auch eine Sparte leitet, ist nicht ungewöhnlich. Der ehemalige Intendant Marc Adam war zugleich Leiter der Opernabteilung. Nur: Nebst dem Theaterbetrieb werden Märkis Kräfte auch vom Stadttheaterumbau und von weiteren Baustellen im Vierspartenhaus absorbiert. Keine Bedenken hat diesbezüglich der Sprecher von Konzert Theater Bern: «Märki ist ein erfahrener Theatermacher und Intendant, sodass er einzuschätzen weiss, wozu er in der ­Lage ist», sagt Jens Breder.

6.Hat Märki ein Problem mit der Personalpolitik?
Zunächst beeindruckte Stephan Märki mit der Besetzung der Schlüsselstellen. Bei Opern- und Konzertdirektor Xavier Zuber und der damaligen Schauspielleiterin Iris Laufenberg bewies er ein Goldhändchen. Bei Laufenberg war schnell klar, dass sie nicht lange in Bern zu halten sein würde. Noch nicht ganz eingeschlagen hat hingegen Tanzchefin Estefania Miranda. Und der Rauswurf von Gräve nach einer halben Saison trübt die Zwischenbilanz.

Märkis Personalentscheide sorgten schon mehrmals für Gesprächsstoff. An seiner früheren Wirkungsstätte, dem Deutschen Nationaltheater Weimar, fragte man sich, weshalb er Claudia Meyer von der Nebendarstellerin bis zur Hausregisseurin emporbrachte. Und kurz vor seinem Wechsel nach Bern sah er sich mit einer Anklage konfrontiert. 2010 hatte seine damalige Freundin einen Auftrag für das Theaterpausen-Catering erhalten. Letztlich konnten ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden.

7.Und jetzt?
Was bleibt, abgesehen von möglichen Kosten durch den Rauswurf, ist der Imageschaden. Wenn die KTB-Führung nicht offensiver kommuniziert, bleibt dieser Makel an ihr haften, wie gut auch immer der Theater­betrieb läuft. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.01.2016, 21:03 Uhr

Personalprobleme? KTB-Intendant Stephan Märki. (Bild: Andreas Blatter)

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