Lust und Leid im Postkarten-Paris

Avenches

Mit Charme, Drive und Detailfreude: Das Opernfestival Avenches zeigt Giacomo Puccinis Tragikomödie «La Bohème» in einer musikalisch hochstehenden Produktion.

Viel Trubel vor dem Café Momus: Massenszene aus dem zweiten Bild (Akt) von «La Bohème» in der Inszenierung von Eric Vigié.

Viel Trubel vor dem Café Momus: Massenszene aus dem zweiten Bild (Akt) von «La Bohème» in der Inszenierung von Eric Vigié.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Er gab alles. Teodor Ilincai alias Rodolfo schickte sich ins hohe B, dann ins hohe C, schliesslichgab er gar ein wohlgerundetes «Erbarmen!» von sich. Doch es nützte nichts: Ein Unwetter über Avenches bereitete dem Liebesgeplänkel in der Arena ein abruptes Ende, und das Premierenpublikum am Donnerstag begab sich routiniert in die Flucht. Man hatte es kommen sehen. Und bangte dann doch um das von Gewitterböen gebeutelte Bühnenbild.

Am Samstag dann, beim zweiten Versuch, durfte man feststellen: Es steht noch (oder wieder), dieses Paris der kleinen Leute um 1900, das sich Regisseur Eric Vigié und sein Bühnenbildner Gian Maurizio Fercioni ausgedacht haben – Häuserreihen, verwinkelte Gässchen, im Hintergrund der Hügel der Heiligen Genoveva mit dem Panthéon. Ein historisches Postkarten-Paris, schwarzweiss fotografiert und in Lebensgrösse collagiert. Die Idee ist verblüffend einfach. Sie passt zu dieser Inszenierung, die einem gebrochenen Realismus verpflichtet ist.

15 Jahre nach der letzten «Bohème» in Avenches wartet Vigié mit einer Neuproduktion auf – und gibt seinen Einstand als Regisseur in der römischen Arena. Der Franzose, Direktor der Opéra de Lausanne und seit 2011 künstlerischer Leiter des Festivals, verzichtet dabei auf Experimente. Getreulich folgt er dem Libretto, gönnt sich ein paar (ironische) Anspielungen und ganz zu Beginn einen Prolog à la Vigié mit einer Slapstick-Eifersuchtsszene zwischen Musetta (Brigitte Hool) und ihrem «Sonntagsmaler» Marcello (Franco Pomponi).

Verglichen mit dem szenisch durchaus gewagten «Rigoletto» 2011 könnte man diese «Bohème» als leisen Rückschritt werten auf dem Weg zur angestrebten Festivalerneuerung. Vigié indes will nicht mehr und nicht weniger als eine tragikomische Liebesgeschichte erzählen. Und er tut das mit viel Charme und Schwung.

Dramatische Trostlosigkeit

Federleicht wirkt der erste «Akt» in der Mansarde der mausarmen, aber lebenslustigen Bohemiens; die Massenszenen vor dem Café Momus gelingen dank Präzision und kluger Personenregie. Puccinis filmische Ästhetik voller Schnitte und Überblendungen kommt deutlich zum Ausdruck, vor allem in der zweiten Hälfte mit ihrer bald fahlen, bald dramatischen Trostlosigkeit. Nur auf die vermeintlich modernen Multimediaprojektionen hätte man einmal mehr verzichten können. Und die Bühnenarbeiten vor dem Finale dauern zu lange.

Vigié kann auf ein erfrischendes Solistenensemble zählen, das nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch überzeugt. Das gilt insbesondere für die Hauptdarstellerin: Alexia Voulgaridou gibt Mimi als aufwühlend leidende, zugleich stolze, selbstbewusste Frau, die weiss, was sie will – bis zum letzten Atemzug. Hochklassig wirkt diese Produktion aber vor allem dank dem Orchestre de Chambre de Lausanne (Leitung: Stefano Ranzani), das in der Arena die grosse, laute Operngeste unterläuft. Nie wird fett gemalt, vielmehr schlank und geschmeidig gezeichnet, voller Drive, zugleich mit fabelhafter Detailtreue. Puccini, der Grosskomponist der kleinen Dinge, würde seine Freude daran haben.

Berner Zeitung

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