Kitsch und Quatsch vom Schlagerschatz

«Servus Peter – Oh là là Mireille» ist ein quicklebendiges Denkmal für Peter Alexander und Mireille Mathieu, die Schlageridole der Siebzigerjahre. Die Geschwister Pfister lassen im Berner Theater am Käfigturm die Musikstars ihrer Kindheit auferstehen.

Peter Steiger

Hurra, die Fernsehabende sind wieder da! Die Show am Samstagabend ist auferstanden. In den Sechziger- und Siebzigerjahren sass man familiär vereint vor den damals noch flimmernden Kisten. Die grossen Quizsendungen mit den Schlagerparaden waren angesagt. Mama strickte, nein lismete, Papa rauchte einen Stumpen, das war tatsächlich noch erlaubt. Und wir Kinder durften ausnahmsweise bis nach zehn Uhr aufbleiben. Die Erinnerung ist rosig. Die Realität war allerdings ziemlich ätzend. Wir Kids hätten eigentlich lieber eine gültigere Alternative zu diesem Zuckerparadies gehabt.

Jetzt lassen die Geschwister Pfister mit «Servus Peter – Oh là là Mireille» die schaumstoffweiche Welt wieder auferstehen. Wieder rosig verklärt. Aber weil drei oder vier Jahrzehnte verflossen sind, darf man bei den Vorstellungen vom 7. bis 9.Oktober im Berner Theater am Käfigturm reinen Herzens lächeln und reinen Gewissens geniessen.

Mit Tuntenlook

Fräulein Schneider, die sonst so treue dritte Akteurin, macht Pfister-Pause. Wieder dabei ist hingegen das Jo Roloff Trio. Im Mai zeigten Christoph Marti und Tobias Bonn (alias Ursli und Toni Pfister) das neue Programm des schweizerisch-deutschen Kabarettensembles im Berliner Veranstaltungslokal Bar jeder Vernunft. Der Berichterstatter war wenige Vorstellungen nach der Premiere im rappelvollen Spiegelzelt und erlebte, wie das Weltstadtpublikum die zwei Schauspieler und die Musiker begeistert feierte.

Christoph Marti ist Mireille Mathieu mit sturmfester schwarzer Betonperücke. Er hat unten die dickeren Beine und oben die dickeren Arme als das Original. Da kann er nichts dafür. Aber sonst gleicht sein Abbild ganz erstaunlich der heute 65-jährigen Französin. Alte Videos beweisen es: Er kriegt sogar die charakteristischen Mundbewegungen hin, mit denen die Künstlerin beim Singen Luft schöpft. Trotz dieser Detailtreue gerät Martis Werk hin und wieder zur Parodie. Die Persiflage ist wohl ungewollt. Männer in Frauenkleidern haben es halt schwer, den Tuntenlook zu überwinden.

Mit Schwiegersohnlächeln

Tobias Bonn hat es als Peter Alexander leichter. «Da steht ein Mensch», singt er. Es ist einer der bekanntesten Ohrwürmer des im Februar verstorbenen österreichischen Stars. «Hier steht Peter Alexander», möchte man dem Darsteller zurufen. Er präsentiert seine Figur dem Publikum verblüffend nah am Original, mit Wiener Schmäh, permanentem Schwiegersohnlächeln und mit festgeschraubter Haartolle.

Auch Mathieu-Marti zieht sein Ding durch. Er versteht kein Deutsch, und wenn er, wie seine Vorlage, trotzdem deutsch singt, hat er toujours, äh, immär, den französischen Klischeeakzent drauf. Man wundert sich über den dadaistischen Klang von Liedtexten, «Tarata-Ting, Tarata-Tong», vor allem aber staunt man über die musikalische Qualität der Songs. Man mag den Biedersinn belächeln. Vergleicht man aber ein Lied wie «Akropolis adieu» mit dem, was aktuelle Schlagerwettbewerbe bieten, muss man die solide Machart des 40-jährigen Werks würdigen.

Mit Anneliese Rothenberger

Wie eh begleitet das Jo Roloff Trio die Pfister gekonnt und einfühlsam. Neu und unerwartet aufwendig ist hingegen das Bühnenbild. Eine Fernsehdekoration bildet eine altmodische Plüschkneipe ab. Daneben erblickt man die Garderoben der zwei. Bei Peter Alexander hängen Smoking und Rüschenhemd. Bei Mireille Mathieu glänzen Paillettenkleider und bauschen sich die Chiffonwolken.

Man muss es sagen: Der Abend ist mit zweieinhalb Stunden zu lang. Zum Glück unterbrechen Ausflüge den Mathieu-Alexander-Trip. Kinderstar Heintje kommt. Er bringt einen Blumenstrauss und hat jetzt halt eine tiefe Stimme. Roy Black taucht auf. Und Operettendiva Anneliese Rothenberger macht mit lachsfarbenem Rüschenkleid mit. Alles so wie damals. Alles so echt, wie die inszenierte TV-Wirklichkeit. Damals wie heute.

Berner Zeitung

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