Ja, so was wollen wir

Ein Verwirrspiel von grosser Klarheit: Mit «Was ihr wollt» gelingt dem neuen Schauspielteam von Konzert Theater Bern zum Ende der Saison ein fulminanter Start.

Am Schluss wird geküsst: Orsino (Nico Delpy), Olivia (Sophie Melbinger), Viola (Mariananda Schempp) neben Malvolios Kopf (Stéphane Maeder).

Am Schluss wird geküsst: Orsino (Nico Delpy), Olivia (Sophie Melbinger), Viola (Mariananda Schempp) neben Malvolios Kopf (Stéphane Maeder). Bild: Annette Boutellier

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Welch stürmischer Beginn, im wahrsten Sinne des Wortes. Just um halb acht entleert sich eine Gewitterwolke über den Vidmarhallen zu Liebefeld, dass Nico Delpy, dessen Orsino die ersten Zeilen gehören, sein eigenes Wort kaum mehr versteht. Auch das Publikum leidet. Es fächert sich mit dem Programmheft den Hitzetod aus dem Gesicht, der Schweiss bahnt sich durch die Kuhlen der Körper in Richtung Vidmar-1-Gestühl.

Den Entscheid, sich an einem solchen Abend drei Stunden Shakespeare zu geben, kann man da verfluchen. Aber dann, nach den ersten etwas zähen Minuten, nimmt die Inszenierung Fahrt auf, aus dem Leiden wird ein Mitfiebern, und die Spannung bleibt bis zum Schluss. Dem neuen Schauspielteam von Stephanie Gräve, das bereits zum Schluss der alten Saison die erste Inszenierung bringt, gelingt eine Premiere, bei der sehr viel stimmt.

Alle wollen Olivia

Regisseur und Bühnenentwerfer Johannes Lepper macht aus der Vidmarbühne eine steile Rampe. Nicht nur erhält das fächernde Publikum so eine gute Sicht auf das Geschehen – Ausrutscher und Stürze sind vorprogrammiert, der tiefe Fall ist immer möglich, ganz in der Denktradition von William Shakespeare, dessen Verwirr- und Verkleidungsspiel «Was ihr wollt oder die zwölfte Nacht» in einer sehr freien, entschlackten Übersetzung gespielt wird.

Viola, die Schwester des vermeintlich verstorbenen Sebastian, will sich an Orsino, den Herzog von Illyrien, ranschmeissen, verkleidet sich als Jüngling und wird Botenjunge von Orsino. Der steht aber auf Olivia, die reiche Gräfin, die sich wiederum in die verkleidete Viola verguckt. Als wäre das nicht genug, stehen auch Haushofmeister Malvolio und der bleiche Sir Andrew Bleichenwang auf Olivia. Spätestens, als der tot geglaubte Sebastian auftaucht, ist die Verwirrung komplett, denn seine verkleidete Schwester gleicht ihm aufs Haar.

Neue und bekannte Gesichter

Mariananda Schempp in der Hauptrolle ist eine Wucht. Die 24-Jährige, vor kurzem der Schauspielschule entschlüpft, wechselt ohne grosses Aufheben von Viola in die doppelte Hosenrolle. Sie ist an diesem Abend eine von fünf neuen Gesichtern. Auch Nico Delpy (als Orsino), Sebastian Schneider (als Sir Andrew Bleichenwang) und Sophie Melbinger (als Olivia) gehören ab der kommenden Saison zum KTB-Ensemble.

Gastspieler Birger Frehse, in der Nebenrolle als Feste, überzeugt besonders, als er in die Saiten respektive Tasten greift und Tom Waits oder The Police performt. Und die Altbekannten? Spielen ihre Stärken aus: Milva Stark exzentrisch als kraushaarige Intrigantin Maria, ganz stark auch Stéphane Maeder als hinterhältiger Malvolio und Jürg Wisbach als Büchsenbiertrinker Sir Toby Rülps.

Apropos Bier: Man hätte sich an diesem Abend auch witterungsadäquat ein solches genehmigen können – und hätte verpasst, wie vielversprechend Gräve und ihr Team loslegen. Was ihr wollt? Mehr davon!

Was ihr wollt: bis 25. Juni, Vidmar 1, Liebefeld. Weitere Termine ab 12. September. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.06.2015, 07:46 Uhr

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Wir sind selig»: bis 26.6., Heitere Fahne, Wabern.

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