«Ich habe heute noch Lampenfieber»

Maria Becker wird als «letzte Tragödin» gepriesen. Dabei spielt sie lieber Komödien. Heute tritt die Grande Dame mit ihrem Sohn als schwerreiche Nervensäge im Berner Theater am Käfigturm auf.

Maria Becker wird als «letzte Tragödin» gepriesen. Dabei spielt sie lieber Komödien. Heute tritt die Grande Dame mit ihrem Sohn als schwerreiche Nervensäge im Berner Theater am Käfigturm auf.

Maria Becker wird als «letzte Tragödin» gepriesen. Dabei spielt sie lieber Komödien. Heute tritt die Grande Dame mit ihrem Sohn als schwerreiche Nervensäge im Berner Theater am Käfigturm auf. Bild: Keystone

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Frau Becker, eben sind Sie 90 geworden. Wie war der Geburtstag?
Maria Becker: Wun-der-bar! Es gab ein grosses Fest im Schauspielhaus Zürich. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, mit lauter Leuten, die ich kenne.

Zum Schauspielhaus Zürich hatten Sie nicht immer ein gutes Verhältnis...

Naja, das Schauspielhaus hatte nicht immer ein sehr gutes Verhältnis zu mir.

Und woran lag das?
Ich weiss nicht. Vielleicht weil ich dem Herrn Buckwitz (Harry Buckwitz, Intendant von 1970 bis 1977) einmal abgesagt habe, als er mich nach Frankfurt holen wollte. Das hat er mir sehr übel genommen und mich dann ziemlich lange nicht mehr beschäftigt. Aber geschadet hat es mir nicht.

Sie sind 1938 nach Zürich ans Schauspielhaus gekommen. Die Ära des Emigrantentheaters ist legendär, ein Mythos...
...dabei sind die Zürcher damals kaum ins Theater gekommen. Sie mochten uns nicht, haben uns ein Juden- und Kommunistentheater genannt. Aber für mich war es eine wunderbare Zeit. Ich habe dort fabelhafte Künstler getroffen, Ernst Ginsberg etwa, Kurt Horwitz und natürlich Therese Giehse. Wir waren wie eine grosse Familie.

Sie haben auch Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch gekannt. Wen mochten Sie mehr?
Frisch habe ich geschätzt. Mit Dürrenmatt war ich befreundet. Er war ein bedeutender Dichter und Denker, und ich habe seine Werke bewundert. Ich würde schrecklich gerne noch einmal die Irrenärztin in den «Physikern» spielen. Ein grosses Stück. Und noch immer sehr aktuell.

In Bern spielen Sie eine gelangweilte Dame von Welt, die in ihrer Villa einen Studenten beherbergt. Da sind Sie eine ziemliche Nervensäge, wie mir scheint
Jaaa! Das Stück wurde eigens für meinen Sohn und mich geschrieben. Ich liebe es, wenn die Leute im Theater über mich lachen. Ich wurde zwar als «letzte Tragödin» und weiss nicht was bezeichnet. Aber gespielt habe ich immer lieber Stücke mit Humor.

Ist es einfacher, Komödien zu...
Nein. Theaterspielen ist überhaupt nie einfach. Die Schauspielerei ist ein sehr schwieriger Beruf.

Was treibt Sie dazu, mit 90 noch auf der Bühne zu stehen?
Das Alter spielt keine Rolle. Ich spiele noch immer gern Theater. Ausserdem habe ich keine Pension. Und von der AHV kann man ja, wie Sie wissen, nicht leben.

Bereitet Ihnen das Textlernen keine Mühe?
Früher habe ich sehr schnell gelernt. Ich musste die Texte bloss einmal durchlesen. Heute habe ich schon ein bisschen mehr zu üben. Aber ich kanns mir noch merken. Mehr Mühe bereitet mir das Lampenfieber.

Im Ernst?
Leider, ja. Eine üble Sache. Ich habe schon viel dagegen unternommen – vergeblich. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden.

Sie sind gelassener geworden...
Gelassener und klüger. Das macht manches leichter erträglich.

In Ihrer Autobiografie, die kürzlich erschienen ist, steckt eine gute Portion Selbstironie.
Ich neige dazu, die Dinge ein bisschen ironisch zu sehen. Das war schon immer so.

Wenn man Sie über das aktuelle Theaterschaffen reden hört, hat man allerdings nicht unbedingt diesen Eindruck.
Es ärgert mich, dass Stücke ständig aus ihrem zeitlichen Kontext gerissen werden. Aber es ist nicht so, dass ich Tag und Nacht darüber nachdenke.

Gehen Sie denn noch ins Theater?
Kaum.

Was machen Sie stattdessen?
Ich lese sehr viel. Vor allem Biografien. Geschichtliche Dinge. Romane eigentlich weniger.

Wollten Sie nicht mal einen Kriminalroman schreiben?
Ja (lacht). Leider bin ich noch nicht dazu gekommen. Aber ich überlegs mir immer noch.

In Ihrer Autobiografie steht, Sie wären ursprünglich gerne Journalistin geworden.
Jawohl.

Was hat Sie daran interessiert?
Das Schreiben. Mein Grossvater war Feuilletonredaktor bei der «Neuen Freien Presse» in Wien. Und mein Onkel war auch Journalist. Das hat mich geprägt.

Möchten Sie noch mal jung sein?
Nein. Ich hatte keine glückliche Kindheit. Und ich habe auch später kein leichtes Leben gehabt.

Welches war die schwierigste Zeit in Ihrem Leben?
Ich denke, die Zeit, als ich in die Schweiz kam. Der Krieg und alles. Zürich habe ich anfangs gar nicht gemocht. Heute ist das anders. Ich lebe gerne hier. Ich bin ja auch Schweizerin geworden, durch die Heirat mit Robert Freitag.

Würden Sie Zürich heute als Ihre Heimat bezeichnen?
Nein. Ich habe keine Heimat mehr. Ich habe meine Heimat verloren.

Kann nicht auch das Theater eine Heimat sein?
Nein. Das wäre eine Illusion.

Gibt es Dinge, die Ihnen Angst machen, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Die Klimaveränderung.

Und persönlich?
Der Gedanke an den Tod macht mir grosse Angst. Aber ich versuche, nicht immer daran zu denken. Denn das hemmt einen ja auch kolossal. Ich bin eigentlich ein positiv denkender Mensch.

> (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.03.2010, 16:30 Uhr

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