«Ich bin immer mutiger geworden»

Ende Saison tritt Cathy Marston nach sechs turbulenten Jahren als Ballettdirektorin von Konzert Theater Bern ab. Nächste Woche feiert ihr letztes Stück «Hexenhatz» Premiere.

Gut vernetzt: Die Ballettdirektorin Cathy Marston.

Gut vernetzt: Die Ballettdirektorin Cathy Marston. Bild: Urs Baumann

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Die Kummerbuben, Steff la Cheffe oder die Sängerin Pamela Méndez: Sie alle haben schon mit dem Berner Ballettensemble auf der Bühne gestanden. Lokale Kunstschaffende, die auf den ersten Blick mit Spitzenschuhen und Tutus rein gar nichts am Hut haben. Cathy Marston, scheidende Ballettdirektorin am Konzert Theater, hat während ihrer sechsjährigen Amtszeit immer wieder für Tanzspektakel mit Lokalkolorit gesorgt. So ist es der 37-Jährigen gelungen, die Sparte Tanz für ein breiteres Publikum attraktiv zu machen. «Wir sind Teil der Stadt geworden», sagt sie stolz.

Literarische Vorlagen

Dabei hatte die gebürtige Engländerin in Bern einen schwierigen Start. Ihr erstes Stück «Feuervogel» (2007) wurde von der Presse gnadenlos zerrissen. «Als Künstlerin möchte man sich am liebsten sofort verteidigen. In der Rolle der Ballettdirektorin sollte und muss man das nicht tun», sagt Marston. Im Rückblick zeigt sie sich selbstkritisch. «Es stimmt, dass man unter den historischen Kostümen damals die Bewegungen der Tänzer kaum noch gesehen hat», gibt Marston unumwunden zu.

In den darauffolgenden Stücken blieb die Choreografin der Idee, mittels Tanz dramatische Geschichten zu erzählen, treu, verzichtete aber zunehmend auf Pomp und interpretierte die Stoffe immer freier. «In England ist man sehr texttreu, in der Schweiz hingegen, wo man vom deutschen Regietheater beeinflusst ist, wird fast erwartet, dass man etwas Neues aus der Vorlage macht», erklärt sie. In «Gespenster» (2008), «Romeo und Julia» (2009) oder «Flight of Gravity» (2011) konnte Marston beweisen, dass sie ihren Stil gefunden hatte. «Ich bin immer mutiger geworden», sagt sie heute.

Mutige Frauen spielen in vielen Stücken von Cathy Marston eine Rolle. So widmete sie 2010 etwa Clara Schumann (1819–1896) eine Choreografie. In «Lions, Tigers, and Women» (2012) liess sie sich von der Biografie der Grosswildjägerin Vivienne von Wattenwyl inspirieren. Klar, dass bei der Premiere ein paar Bernburger mehr als sonst im Publikum sassen. Wohlgemerkt neben jungen Fans der Pamela Méndez Band, die für die Vertonung der getanzten «Safari» sorgte. Ein typisches Marston-Projekt, bei dem tout Berne sich angesprochen fühlen konnte.

Unfreiwilliger Abschied

Marston musste aber auch hart für ihre Sparte kämpfen. 2009 stand die Forderung im Raum, das Ballettensemble aus Kostengründen abzuschaffen. Stadtpräsident Alexander Tschäppät sprach sich gar explizit dafür aus. Marston lancierte eine Petition und liess ihr Ensemble mitten auf dem Waisenhausplatz gegen die Abschaffung antanzen. Am Ende setzte sich der kantonale Kulturdirektor und bekennende Ballettfan Bernhard Pulver durch. Es wurden zusätzliche Mittel für die Sparte gesprochen.

Nun muss die Ballettdirektorin Cathy Marston gehen. Die «künstlerischen Auffassungen» hätten sich als «zu unterschiedlich» erwiesen, liess der neue Direktor Stephan Märki verlauten. Er wolle versuchen, in der Sparte Tanz «noch mutiger» zu werden und diese zu einer «noch zwingenderen Ästhetik» zu führen. Märki holte Estefania Miranda (37) nach Bern, die abtretende Tanzkuratorin am Nationaltheater Weimar, der früheren Wirkungsstätte Märkis. Wie ging Marston damit um? «Ich habe mich ganz auf meine Arbeit konzentriert.» Mehr will sie dazu nicht sagen. Und wie sehen ihre Zukunftspläne aus? Marston sagt, sie werde weiterhin in Bern wohnen und als freischaffende Choreografin arbeiten. Sie nennt Projekte in Dänemark, Grossbritannien und Deutschland. «Aber eigentlich bin ich doch noch mitten in den Endproben meines Stückes ‹Hexenhatz›», sagt sie und wirkt dabei selbst etwas gehetzt.

Letzte Hexe

Die Bühne in den Vidmarhallen steht schon. Eiskalte Stahlgitter evozieren eine Art psychiatrische Klinik, in der die Tänzer in weissen Kitteln agieren werden. Wie schon bei «Flight of Gravity» kooperiert Marston mit dem Kammerorchester Camerata Bern, das eine Collage aus Barockkompositionen spielt. Ausgehend von dieser Musik setzte sie sich mit Hexenverbrennungen auseinander. «Ich fand den Kontrast zwischen der wunderschönen Musik der Zeit und den hässlichen Dingen, die sich gleichzeitig ereigneten, sehr spannend.» Ihre Choreografie erzählt im Rückblick von Anna Göldis Schicksal. Die Story über die letzte Schweizer «Hexe» wird aus der Perspektive von Anne-Miggeli, jenem Kind, das Nägel in seine Milch spuckte, nachdem Göldi es angeblich verzaubert hatte, erzählt. «Milchgläser werden unsere einzigen Requisiten sein», so Marston. Historische Kostüme? Fehlanzeige. Marston, einst gerügt wegen Pomp und Pathos, zelebriert bei ihrem Abschied von Bern die Kunst des Weglassens. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.04.2013, 13:20 Uhr

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