«Ich bin heute noch wütend auf meinen Vater. Unerbittlich»

Am 29. April wird am Stadttheater Bern das Stück «Looslis Kinder» uraufgeführt. Es handelt von Carl Albert Looslis Kampf gegen das System der administrativen Verwahrung. Hansjörg Schneider, der das Stück verfasst hat, entbrennt heute noch vor Wut, wenn er sich an die damaligen Erziehungsmethoden erinnert.

Der Basler Autor Hansjörg Schneider erzählt im Stück «Looslis Kinder» von  der dunklen pädagogischen Vergangenheit der Schweiz.

Der Basler Autor Hansjörg Schneider erzählt im Stück «Looslis Kinder» von der dunklen pädagogischen Vergangenheit der Schweiz. Bild: Mischa Christen

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Herr Schneider, am Sonntag wird Ihr Stück «Looslis Kinder» in den Vidmarhallen uraufgeführt. Wie sind Sie dazu gekommen, für Bern über einen Berner zu schreiben?
Hansjörg Schneider: Chefdramaturg Matthias Heid fragte mich an, ob ich ein Stück über die administrative Verwahrung schreiben wollte. Ich sagte zuerst, er solle doch einen Jüngeren suchen. Doch er betonte, er wolle einen Alten, der sich an diese Zeiten noch erinnern könne. Das leuchtete mir ein. Bei den Recherchen stiess ich dann schnell auf den Bümplizer Philosophen C.A. Loosli, der selber in solchen Anstalten für Schwererziehbare war. Das Stück ist eine Hommage an den grossartigen Autor. Er war ein Aufklärer, der für mich auf einer Stufe mit Pestalozzi steht. Er vertrat zu seiner Zeit Positionen, die heute allgemein anerkannt sind, damals aber bekämpft wurden.

«Looslis Kinder» ist aber mehr als eine Biografie.
Ja, wir wollten kein Stück nur über die Person Loosli machen, sondern über ihn als Anwalt der Kinder. Was mir besonders gut gefällt: Auf der Bühne stehen nicht nur Erwachsene, sondern auch über 20 Kinder und Jugendliche. Ich habe aus meiner eigenen Erfahrung Szenen geschildert, wie damals erzogen wurde. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Sie meinen, wie streng die Eltern waren?
Schläge waren an der Tagesordnung. Die Erwachsenen wollten vor allem die Buben richtiggehend terrorisieren.

Wieso?
Weil sie glaubten, das sei nötig. Sie meinten, Kinder seien böse und faul und sie lügen. Erst die Beatles, die Rolling Stones und die 68er spülten diese Weltsicht weg. Heute ist es ganz anders. Wenn man ein Kind schlägt, wird man sofort eingesperrt.

Und das finden Sie auch nicht gut?

Sie haben zwei erwachsene Kinder. Wie waren Sie selbst als Vater – eher autoritär oder lax?
Das müssen Sie meine Kinder fragen (lacht). Aber klar, wir haben sie anders erzogen, als wir früher aufwuchsen.

Sie erzählen in Ihrem neuen Buch «Nilpferde unter dem Haus» eindrücklich von Ihrer Wut auf Ihren brutalen Vater...
Ja, ich bin heute noch wütend. Unerbittlich.

Ist es diese Wut, die Sie antreibt?
Man wird nicht nur aus Wut Schriftsteller. Von meiner Generation haben viele diese Gefühle in sich. Wut ist nicht mein einziges Thema, aber sie kommt in meinem Werk immer wieder vor. Auch in meinen Hunkeler-Romanen stehen Szenen, die aus meiner Kindheit stammen. Etwa die Geschichte von einem meiner Schulkameraden. Er schaffte es einfach nicht, mit der Tinte zu schreiben, ohne einen Tolggen zu machen. Alle wussten das. Doch der Lehrer stand eines Morgens hinter ihn und erklärte, beim nächsten Tolggen ziehe er ihm den Stecken über den Kopf. Nach dem zehnten Mal musste der Bub nach vorne, um sich den Hintern versohlen zu lassen. Er fiel auf die Knie und bettelte, doch der Lehrer dachte wohl, die Schläge müssten jetzt sein. Der Junge war danach erledigt.

Die Emanzipation der Frauen hat sicher dazu beigetragen, dass Kinder heute sanfter erzogen werden.
Natürlich. Die Frauen waren damals ja auch unterdrückt. Meine Mutter versuchte, uns Kindern zu helfen, aber sie hatte keine Macht, um ihre Meinung durchzudrücken.

In Ihrem Skandalstück «Sennentuntschi» von 1972 geht es ebenfalls um eine Frau, die unterdrückt wird. Die Geschichte war übrigens Pflichtlektüre in meinem Literaturstudium...
Diese Schweinerei? (lacht)

Ging es Ihnen in «Sennentuntschi» darum, dass die ausgebeutete Frau am Ende zurückschlägt?
So viel habe ich mir gar nicht überlegt. Ich hörte einfach von der alten Sage und beschrieb dann, wie diese drei Sennen eine Puppe machen, die schliesslich lebendig wird. Eine Woche lang schrieb ich in einem Furor durch – ohne theoretischen Unterbau.

Und der Skandal, den es zehn Jahre nach der Uraufführung gab, überraschte Sie der?
Ja, total. Als die Verfilmung im Schweizer Fernsehen lief, kamen alle Bünzli aus ihren Löchern gekrochen. Alle schauten zu bis zum Ende und dachten: «Schweinerei, Schweinerei!» Sie hätten doch einfach abschalten können.

Das klingt, als freuten Sie sich noch immer über die Aufregung.
Das war super, grossartig. Das ist das Beste, was einem jungen Dramatiker passieren kann. Und das muss man sich auch zuerst verdienen. Es gibt viele, die einen Skandal wollen und ihn nicht hinkriegen.

Haben Sie den neuen Film «Sennentuntschi» von Michael Steiner gesehen?
Ja, aber das ist natürlich etwas ganz anderes. Der Film ging von der Sage aus, nicht von meinem Stück.

Zurück zu Ihrem «Berner» Stück. Loosli forderte schon früh die Gleichberechtigung der Frauen. Zwischen ihm und Ihnen gibt es noch andere Parallelen. Zum Beispiel gehörte er wie Sie nie richtig zum Schweizer Literaturbetrieb.
Ich will gar nicht dazugehören.

Wieso nicht?
Weil ich meinen eigenen Weg gehen will. Vieles unterscheidet mich übrigens auch von Loosli: Im Gegensatz zu ihm, der immer zu wenig Geld hatte, ging es mir stets einigermassen gut. Und Loosli war verfemt, vor allem bei der grossbürgerlichen NZZ; ich nicht.

In «Nilpferde unter dem Haus» hat man indes das Gefühl, dass auch Sie sich von den Kritikern ungerecht behandelt fühlen.
Das gehört wohl zum Schriftstellerdasein (lacht).

In einem Interview sagten Sie auch, Sie seien eitel.
Das muss man sein als Schriftsteller. Wenn man sich selbst nicht ernst nähme und nicht interessant fände, würde man nicht schreiben.

Obwohl Sie schon viele Theaterstücke geschrieben haben, kennen die meisten Sie nur als Autor des Kommissär Hunkeler. Kränkt das Ihre Eitelkeit?
Nein, überhaupt nicht.

Krimis gelten als Literatur zweiter Klasse.
Dieser Meinung bin ich überhaupt nicht. Wenn mich etwas ärgert, dann das Vorurteil, dass Krimis zweitrangige Literatur seien. Wenn man die zehn bes-ten Schweizer Bücher aus dem 20.Jahrhundert zusammenstellen würde, dann wären mindestens zwei Krimis darunter. Einer von Friedrich Glauser und einer von Friedrich Dürrenmatt.

Lesen Sie selber Krimis? Zum Beispiel die viel gelobten schwedischen?
Ich lese wenig Krimis. Aber von Glauser und Dürrenmatt habe ich alles gelesen. Chandler mag ich ebenfalls. Es gab auch eine Zeit, in der ich viel Simenon las.

Und Sherlock Holmes?
Den nahmen wir im Englischunterricht durch. Ich finde die englischen Krimis stinklangweilig.

Was macht denn einen Krimi spannend? Der Plot?
Nein, meine Plots sind immer sehr einfach. Es geht darum, wie jemand eine Landschaft, wie er die Leute beschreibt. Basel ist kaum ein Romangebiet – im Gegensatz zu Zürich oder dem Emmental. Mit den Hunkeler-Krimis habe ich nun immerhin acht Bücher über die wunderschöne Region Basel und das Elsass geschrieben.

Obwohl Sie kein Basler sind.
Ich fühle mich hier heimisch, aber ich bin ein Aargauer. Ein Zofinger.

Und wann kommt der nächste Hunkeler?
Ich weiss es nicht.

Aber es gibt ein neuntes Buch?
Ich will nichts versprechen.

Viele Journalisten suchen nach Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und Hunkeler. Das Restaurant, in dem wir jetzt sitzen etwa, das Sommereck, ist Hunkelers Stammbeiz und gehört auch zu Ihren bevorzugten Restaurants. Schwimmen Sie auch wie Hunkeler im Rhein?
Ja, ja. So wie ihr in Bern ins Marzili geht.

Waren Sie schon mal bei uns in der Aare?
Ja, ich war eine Saison lang am Berner Stadttheater und ging damals immer ins Marzili. Aber die junge Aare dort reisst. Hier in Basel fliesst der Rhein viel ruhiger.

Sie haben mit «Nilpferde unter dem Haus» gerade ihr drittes Tagebuch veröffentlicht. Wofür steht dieser wiederkehrende Traum, in dem Sie in einem Tümpel unter einem Haus Nilpferde entdecken?
Das ist doch klar. Etwas bewegt sich im Keller, also im Unterbewussten. Die Vitalität und die Fantasie sind zwar zugedeckt, aber noch da.

Dann ist es also ein positiver Traum?
Für mich schon. Aber natürlich nicht nur. Wieso müssen sich denn die Tiere im Keller verstecken?

Wieso?
(überlegt.) Dazu will ich jetzt nichts sagen.

Ihr Buch ist sehr persönlich. Haben Sie keine Mühe, Ihr Innerstes – zumindest schriftlich – so offenzulegen?
Als Schriftsteller will ich nicht nur für die Schublade schreiben. Ich glaube auch, dass die behandelten Themen nicht nur mit mir zu tun haben, sondern mit vielen Leuten meiner Generation. Bei Lesungen lasse ich die zu privaten Stellen weg. Auch in den Hunkeler-Romanen gibt es übrigens sehr persönliche Elemente, nur merken das die Leser nicht.

Haben Sie keine Angst davor, völlig nackt dazustehen?
Das ist mir pipiegal. Jeder Leser und jede Leserin ist in den Kleidern drin ja auch nackt.

Sie schreiben, dass Sie praktisch nur noch in der Erinnerung leben. Brauchen Sie keine neuen Inputs, um zu schreiben?
Ich bin 74. Das heisst, neun Zehntel des Lebens sind vorbei. Im Alter zieht man sich in die Erinnerung zurück.

Trotzdem: Was möchten Sie unbedingt noch machen?
Ich lebe immer noch unglaublich gerne. Ich weiss, ich sollte schon lange Vorkehrungen treffen, eine Alterswohnung suchen und solche Sachen. Aber ich lebe einfach wie immer drauflos und nehme, wie es kommt. Und schreibe sehr gerne. Wenn ich schreibe, geht es mir gut. Schreiben ist das pralle Leben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.04.2012, 07:47 Uhr

Zur Person

Hansjörg Schneider setzt sich an einen Platz im Garten des Basler Restaurants Sommereck und zündet sich eine Zigarette an. Das Personal begrüsst ihn mit Vornamen und bringt ein paar extra Schöggeli zum Kaffee. Geduldig hört Schneider den Interviewfragen zu und beantwortet sie sorgfältig. Der 74-Jährige mag Menschen, das spürt man. Er lacht viel, zeigt aber auch immer wieder die Wut, die in ihm lodert. Mit jedem Satz macht er klar: Hier sitzt einer, der nichts mehr beweisen muss.

Vielen ist Hansjörg Schneider als Autor der Hunkeler-Romane bekannt, die mit Mathias Gnädinger in der Hauptrolle verfilmt wurden. 2010 erschien der bisher achte Krimi «Hunkeler und die Augen des Ödipus».
Aufgewachsen ist Schneider in Zofingen AG. In Basel studierte er Germanistik und schloss mit einer Dissertation ab. Danach arbeitete er unter anderem als Lehrer, Journalist und als Regieassistent am Theater Basel. Schneider gehört zu den meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatikern. Legendär ist sein Stück «Sennentuntschi», das von drei Sennen handelt, die sich eine Sexpuppe basteln. Die Erstausstrahlung des Stücks im Schweizer Fernsehen sorgte 1981 für einen Skandal – und eine Klage wegen Gotteslästerung.

Heute lebt Hansjörg Schneider als freier Schriftsteller in Basel und im Schwarzwald. Gerade veröffentlichte er das neue Buch «Nilpferde unter dem Haus. Erinnerungen, Träume». Darin erzählt er vom Krebstod seiner Frau vor 15 Jahren und dem einsamen Leben als Witwer. Am Sonntag, 29.April, feiert zudem sein Stück «Looslis Kinder» in den Berner Vidmarhallen Premiere. Es zeigt laut Programm «eine albtraumhafte Folge von Kinderszenen». Schneider hat zwei erwachsene Kinder.

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