Grooviger Goethe als verkokste Sause

Konzert Theater Bern zeigt «Torquato Tasso». Die schauspielerischen Leistungen begeistern. Doch die Inszenierung parodiert mit Anglizismen, Kraftausdrücken und Drogenkonsum die heutige Kunstszene allzu plump.

Gefangener seines Hofstaates: Der Künstler Tasso (Andri Schenardi) zerbricht an  seiner Rolle als «subventionierter Narr» (im Vordergrund). Antonio (Timur Isik), der Staatssekretär des Mäzens, bestärkt ihn in seiner Paranoia, und die Gräfin (Mona Kloos) intrigiert im Hintergrund.

Gefangener seines Hofstaates: Der Künstler Tasso (Andri Schenardi) zerbricht an seiner Rolle als «subventionierter Narr» (im Vordergrund). Antonio (Timur Isik), der Staatssekretär des Mäzens, bestärkt ihn in seiner Paranoia, und die Gräfin (Mona Kloos) intrigiert im Hintergrund. Bild: Annette Boutellier

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So gleissend hell war es im Saal des Stadttheaters Bern wohl noch nie. Publikum und Schauspieler sind einem permanenten Rampenlicht ausgesetzt, das durch den zunehmenden Einsatz von Neonlicht am Ende schier unerträglich wird. Unerträglich vor allem für die Hauptfigur Tasso (Andri Schenardi). Denn eigentlich braucht dieser Künstler doch den Rückzug. Exponiert auf einem roten Teppich (Bühne: Sascha Gross), der bis in die Zuschauerränge hineinreicht, strauchelt er, hin- und hergerissen zwischen Narzissmus und Paranoia, auf ein tragisches Ende zu.

Mit «Torquato Tasso» schrieb Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) das erste Künstlerdrama der Weltliteratur. Der Dichter bezog sich auf den gleichnamigen italienischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts, der als geisteskrank galt. Vor allem reflektierte Goethe mit «Tasso» aber seine eigene Rolle als Günstling am Weimarer Musenhof. In dem 1807 in Weimar uraufgeführten Stück geht es um die Konfrontation zweier Welten: Der Mäzen vertritt die Vernunft, der von ihm abhängige Künstler ist ganz «Sturm und Drang».

Tasso als «Künstlerhure»

Regisseurin Lisa Nielebock hat das Stück für Konzert Theater Bern entstaubt und zugespitzt – mit zum Teil guten Ansätzen, aber zweifelhaften Ideen und Sprachanpassungen. Anglizismen und Kraftausdrücke sollen das Stück heutig machen. Meist wirkt das jedoch allzu plump. Tasso als moderne «Künstlerhure» zu inszenieren, liegt hingegen auf der Hand. Schliesslich hat sich die Abhängigkeit zwischen Künstlern und ihren Gönnern seit Goethes Zeit zwar verändert, aber nicht unbedingt verringert. Andri Schenardi spielt die Figur des selbstbezogenen Dichters mit Furor und der nötigen Affektiertheit. Er trägt die international gültige Uniform der Kunstszene: lässiges T-Shirt mit Totenkopf und einen gut geschnittenen Anzug darüber. Dazu Pantoffeln, schliesslich ist er ja der Hauskünstler. Den Lorbeerkranz, der ihm die Prinzessin (Henriette Blumenau) «am Hof» aufsetzt, ist ein glitzerndes «Object of Desire», das Damien Hirst persönlich gemacht haben könnte. Modernistische Sessel stehen verloren auf der ansonsten leeren Bühne, von der keiner der fünf Akteure je abtritt.

Neureich und grobschlächtig

Diese Elemente hätten eigentlich genügt, um zu begreifen, in welchen Kreisen sich der heutige Tasso bewegt. Doch Regisseurin Nielebock trägt punkto Überzeichnungen allzu dick auf. Goethes Mäzen, der Fürst von Ferrara, wird zum grobschlächtigen Neureichen (Stéphane Maeder). Leonore, eine Gräfin, die mit Intrigen den Künstler an ihren eigenen Hof zu locken versucht, agiert als Jetsetterin (Mona Kloos). Mit absurder Turmfrisur groovt sie über die Bühne, besonders wenn gerade das Koks einfährt. Die klischierte Vorstellung, wie sie manch Aussenstehender von der Kunstszene hat, wird hier bestens bedient. Klar, dass auf diese Sause der grosse Kater folgt. Am Ende liegt das auf hohem Niveau spielende Ensemble wortwörtlich flach.

Kommende Vorstellungen: bis am 30.5. im Stadttheater Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.04.2013, 10:35 Uhr

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