Fast wie in der realen Welt

Club 111 um Regisseurin Meret Matter hat sich der virtuellen Welt angenommen. Und mit «Weg» ein Stück geschaffen, das nachwirkt.

Virtueller Trip in die Wüste: Needer (Philippe Nauer, liegend) und sein Alter Ego Artie Fish (Saladin Dellers).<p class='credit'>(Bild: PD / Yoshiko Kusano)</p>

Virtueller Trip in die Wüste: Needer (Philippe Nauer, liegend) und sein Alter Ego Artie Fish (Saladin Dellers).

(Bild: PD / Yoshiko Kusano)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Vielleicht ist es in der heutigen Zeit leichter, für immer in die virtuelle Welt einzutauchen, als sich realen Problemen zu stellen. Ist ja alles so kompliziert: Beziehung, Job, Soziales allgemein. Und im virtuellen Leben, da ist man selber Herr und Meister. Genau das verspricht das «Wonnewerk», es preist den «ultimativen Ganzkörpertrip» an.

Das «Wonnewerk» ist ein Ort, wohin der analoge Mensch kommt, mit den Kleidern seinen Alltag ablegt, in einen uniformen beigen Arbeitsoverall schlüpft und dann mithilfe von Kabeln in eine digitale Welt abdriftet, die er mit seinen Gedanken lenkt. So weit die Ausgangslage von «Weg», dem neuen Stück von Club 111 um Regisseurin Meret Matter.

Die Frage ist: Wer kontrolliert hier wen?

Der dem Aussehen nach biedere Mann (Club-111-Stammspieler Philippe Nauer) nennt sich in der virtuellen Welt Needer 101. Er begibt sich also in seine Fantasiewelt, in der ihn sein selbst geschaffenes Alter Ego Artie Fish (Saladin Dellers) treu begleitet. Sei es als Cowboy durch die Wüste, als Geschäftsmann im Big Apple oder bei einer Thaimassage unter dicken Decken. Und da taucht auch immer wieder die Jugendliebe auf (Johanna Kolberg).

Lächelt penetrant und ewig jung in die Kamera, posiert in Zeitlupe und dient als optimale Projektion von Needers geheimen Wünschen und Begierden. Und doch ist Needer immer häufiger erstaunt darüber, wie sich die von ihm geschaffenen Kunstfiguren aufführen. Plötzlich taucht da auch noch diese schöne Unbekannte auf (Vivien Bullert), die behauptet, real zu sein – und gleichzeitig davon lebt «angeklickt zu werden». Verliert Needer etwa die Kontrolle über seine Gedanken? Oder haben die Figuren die Kontrolle über seine Gedanken übernommen? Und warum schafft er es nicht, die Kabel abzulegen, wieder zurückzukommen in die reale Welt?

Die Welt der unendlich vielen Möglichkeiten

Club 111 ist mit dem Stück «Weg» ganz nah an den grossen Themen dieser Welt: Man schaue sich nur bei der allmorgendlichen Pendlerfahrt im Bus um. Kaum mehr jemand spricht miteinander, die sozialen Kontakte findenhäufiger virtuell als real statt. In dieser virtuellen Welt gibt es unendlich viele Möglichkeiten, in denen man sich verlieren kann. Das ist im Stück gut spürbar, man fühlt sich erschlagen durch die rasche Aufeinanderfolge von verschiedenen Szenen und Episoden, die scheinbar zusammenhanglos sind, weil sie dem Gedankengang eines normalen Menschen folgen, also total wirr sind.

Toll untermalt wird die Verlorenheit durch die Musik des Luzerner Duos Blind Butcher, das einen Stammplatz auf der Bühne hat. Diese Bühne (Ausstattung:Renate Wünsch, Visuals: Demian Jakob) besteht ausserdem aus drei Leinwänden – der Hintergrund der virtuellen Welt. Hier spielt sich das Leben von Needer und seinen digitalen Gefährten ab, hier, auf diesem engen Raum, wird gelitten und geliebt und gelogen. Alles fast wie in der realen Welt – und doch nicht. Needer sehnt sich nach «Echtheit» – und kommt doch nicht los von der selbst geschaffenen digitalen Welt.

Grossartig, wie die Schauspieler miteinander agieren, grossartig, wie sich die Geschichte schliesslich auflöst in «ein Pixel eines unendlichen Bildes». Und schön, wie dieses Stück, das einen im ersten Moment ratlos gelassen hat, nachwirkt. Heute, morgen und übermorgen.

Weitere Aufführungen: bis Sa, 23.3., je 20 Uhr, Schlachthaus-Theater, Bern.

Virtueller Trip in die Wüste: Needer (Philippe Nauer, liegend) und sein Alter Ego Artie Fish (Saladin Dellers). Foto: PD / Yoshiko Kusano

Club 111 ist ganz nah an den grossen Themen: Man schaue sich nur bei der Pendlerfahrt im Bus um.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt