Ermüdende Wortsuche

Ein akademischer Murks: Das Musiktheater «durst&frucht» in der Dampfzentrale stillt das Bedürfnis nach neuen Hör- und Sehgewohnheiten am Musikfestivals Bern nur bedingt.

Die Grubenarbeiter mühen sich im Stück «durst&frucht» mit dem Alphabet ab.

Die Grubenarbeiter mühen sich im Stück «durst&frucht» mit dem Alphabet ab.

(Bild: Philipp Zinniker)

Der Weg zum Wörterbuch der Gebrüder Grimm erweist sich in «durst&frucht» von Annette Schmucki als akademischer Murks, der nur mit wenigen irrwitzigen Lichtblitzen aufwartet. Samstagabend in der Dampfzentrale: Acht Musiker warten auf ihren Einsatz. Die Schreibpulte vorne auf der Bühne sind leer, und das Licht scheint hell.

Kaum ist der Raum abgedunkelt, erscheinen fünf Protagonisten. Sie tragen Grubenlampen, befestigt an einem Bergarbeiterhelm. Das Bild erschliesst sich schnell: Im Stück von Schmucki, umgesetzt vom Berliner Vokalensemble Maulwerker und den Musikern von Proton Bern, die als Ensemble in Residence des Festivals figurieren, geht es um die Sisyphusarbeit der Gebrüder Grimm an einem deutschen Wörterbuch.

Staccatissimo à la Hitchcock

Der Kopfschutz mit der kleinen Lampe symbolisiert den Sprachforscher, der das Abc nach passenden Wörtern abklopft. Beim anfänglichen Gemurmel, das mit Papierrascheln und kurzen Pausen versetzt ist, wird schnell deutlich, dass der Buchstabe A an der Reihe ist.

Das Gehörte wird zusätzlich bildhaft auf eine grosse Leinwand im hinteren Teil der Bühne (Hsuan Huang) projiziert, und das wirkt in seiner Konstanz redundant. Das Vokalquintett der Forschergruppe, bestehend aus drei Frauen und zwei Männern, hebt beim rhythmisch intonierten «Anblitzen» seine Stimmen zum Crescendo. Gleichzeitig blitzen erste Töne auf, schroff und schneidend. Ein Staccatis­simo von hitchcockscher Prägung.

Das Intro dauert, und die Spannung leidet. Die Wortsuche, die zum Konfliktfeld geraten sollte, erinnert mehr an einen A-cappella-Chor, der sich von der Moderne und ihrem Vorzeigekomponisten Arnold Schönberg inspirieren lässt.

Die Geige quietscht, die Harfe schrammt. Auch der Mann mit dem Spinett kennt keine ­Gnade. Die Wortübungen von Jacques Demierre erinnern an skandinavische Sprachlaute, sein Spiel auf dem Instrument erschöpft sich im Malträtieren der Saiten.

Ein Agro-Arpeggio als Hommage an Karlheinz Stockhausen? Warum sich die Forscher in einen vergangenen Amtsmief zurückgezogen haben, erschliesst sich ebenso wenig. Das Auflisten von Jahrestagen in den Fünfzigern und Sechzigern und die Anzahl «geschaffter Worte» irritieren.

Die Märchenbrüder, die zu den Gründungsvätern der Germanistik zählen, wirkten Anfang des 19. Jahrhunderts.

Fortgezwitscher endet bei F

Eine Sprache, die in Musik kippt und umgekehrt, böte eine spannende Plattform. Im durchaus exakt getakteten Œuvre unter der Regie von Therese Schmidt, das mit Musikversätzen, Instal­lationen, Hörspielen, Performances und Texten ausgestattet ist, verpufft dieser Ansatz in drögen Deklamationen und atonal anmutenden Musikkreationen.

Das ist keine Schau für ein Wow. Die starken Momente, wie dieser, wo eine Wissenschaftlerin im biederen Deuxpièces aufs Pult steigt und ihr sonores Parlando vom Orchester rhythmisch begleitet wird, sind rar.

Nach einer Stunde beendet die konspirative Runde ihre Arbeit, und das Fortzwitschern hört bereits beim Buchstaben F auf. Einer der wenigen Sätze lautet: «Die Sprache als Frucht, ich als Durst.» Der Durst bleibt, nicht nur nach einem Bier an der Bar.

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