Bern

Die Wütige aus dem Ruhrpott

BernDie 34-jährige deutsche Theater- und Opernregisseurin Mizgin Bilmen ist eine preisgekrönte Senkrechtstarterin. Nun inszeniert sie für Konzert Theater Bern Ingeborg Bachmanns «Malina». Eine Begegnung.

Will keine Lektion erteilen:Regisseurin Mizgin Bilmen.

Will keine Lektion erteilen:Regisseurin Mizgin Bilmen. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Das Bühnenbild steht. Spiegel und Vanitas-Symbole wie eine Uhr und ein Totenschädel er­geben zusammen mit Briefen und Büchern ein barockes Sammelsurium. Die deutsch-kurdische Regisseurin Mizgin Bilmen nimmt für die Fotografin auf einem Sessel in der opulenten Inszenierung Platz.

Die 34-Jährige steckt mitten in den Proben von Ingeborg Bachmanns «Malina» in der Bühnenfassung von Sophie-Thérèse Krempl. Krempl, Dramaturgin am Konzert Theater Bern, hat die aufstrebende Regisseurin ins Haus geholt. Bilmen trägt Trainerhosen von Nike und Goldschmuck. Ironisch gebrochener Ghetto-Chic? Vielleicht.

Tat­sächlich wuchs Bilmen als Kind von kurdischen Gastarbeitern und Jüngste von sechs Schwestern in Duisburg-Hochfeld auf. Eine «Ruhrpottbratze» sei sie gewesen als Teenager, ein wenig rotzig und immer mit hohen Schuhen unterwegs. Sie habe aber auch Kafka und Schopenhauer gelesen, auch wenn man ihr das damals vielleicht nicht zugetraut hätte.

«Ich fliege erst wieder in die Türkei, wenn der Kampf gegen die kurdische Bevölkerung endlich ein Ende hat.»Mizgin Bilmen

«Das Theater habe ich relativ spät entdeckt, meine Eltern und das nähere Umfeld empfanden das eher als etwas Abgehobenes.» Bilmen ist die Einzige der Familie, die künstlerisch tätig ist, und auch die Einzige, die mit 18 Jahren eine radikale Entscheidung traf.

Sie beschloss, nicht mehr wie bisher während der Sommerferien die Türkei zu besuchen. «Ich fliege da erst wieder hin, wenn der Kampf gegen die kurdische Bevölkerung endlich ein Ende hat», sagt sie. Bis heute hat sie sich daran gehalten, «auch wenn es schmerzhaft ist».

Bilmen hatte Literaturwissenschaften studiert, bevor sie eine Hospitanz am Theater an der Ruhr beim italienischen Regisseur Roberto Ciulli antrat. Sie sei eine «Scheinstudentin» gewesen, denn längst hatte sie im Theater ihre Ausdrucksform gefunden. Sie bewarb sich schliesslich an einer einzigen Schule, der Folkwang-Universität der Künste in Essen, und wurde aufgenommen.

Büchner sezieren

Für ihre Diplomarbeit inszenierte Bilmen «Autopsie Danton» nach Georg Büchners «Dantons Tod». Wie es der Titel nahelegt, ging es ihr darum, Büchners Klassiker nicht einfach nur aufzu­führen, sondern zu sezieren. Die Darsteller wechselten ständig ihre Identitäten, die Bühne bestand aus Bergen von Kleidern.

Nach Inszenierungen am Maxim-Gorki-Theater in Berlin wurde das Schauspiel Frankfurt auf sie aufmerksam. Sie konnte erstmals eine eigene Spielzeit vorbereiten. Die Frankfurter Zeit sei nicht nur schön gewesen.

«Das Theater habe ich relativ spät entdeckt, meine Eltern und das nähere Umfeld empfanden das eher als etwas Abgehobenes.»Mizgin Bilmen

Man habe sie wie eine Angestellte behandelt. «Ich hatte irgendwann die Schnauze voll vom Apparat», so Bilmen, die mittler­weile wieder im Ruhrgebiet lebt und freischaffend ist. Sie habe zwar im Theater ihre Ausdrucksform gefunden, der Theaterszene fühle sie sich aber nicht zuge­hörig, da diese oftmals nur an der schnellstmöglichen Erfolgsgeschichte interessiert sei.

Was sie antreibt? «Wut.» In ihrer Heimat finde sie die grösste Inspiration. Es sei dort nicht einfach alles nur schön, es gebe Widerstände, die ihr gefielen. «Die Menschen sind direkt. Sie tragen ihre Sorgen nach draussen.»

Durch die eigene Brille

Im September dieses Jahres erhielt Bilmen für ihre Operninszenierung «Charlotte Salomon» den Götz-Friedrich-Preis für Opernregie. Anfangs habe sie mit der Oper Berührungsängste gehabt. «Ich kann nicht einmal Noten lesen.» Doch man habe auf ihre Regiefähigkeiten vertraut.

Bei der Oper sei die Musik der Boss, dass gefalle ihr. Machtstrukturen, der Einzelne in der Gesellschaft. Das sind Themen, die Bilmen sowohl bei ihren Theater- wie bei ihren Operninszenierungen umtreiben. Doch explizit «politisches Theater» lehnt sie ab. Sie wolle keine moralischen Lektionen erteilen.

Was macht Bilmen in Bern mit Bachmanns «Malina»? Es gehe nicht darum, den Roman auf die Bühne zu bringen, sondern nur Aspekte davon. «Das Stück ist als Endlostraum konzipiert.» Und Musik von Maria Callas bis Courtney Love – die Musik ihrer Jugend – spiele eine wichtige Rolle. «Ich nehme meine Musik dazu, denn letztlich erzählt ein Regisseur eine Geschichte immer auch durch seine eigene Brille.»

Premiere:Mittwoch, 17. 1., 19.30 Uhr, Vidmar 2, Köniz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.01.2018, 16:00 Uhr

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