Die Bühne als Mahnmal

Blick auf eine leidvolle Geschichte: Erstmals widmet sich ein deutschsprachiges Bühnenwerk dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Heute wird das Dokumentarstück «Die Vertreibung» von Roland Merk im Schlachthaus Theater Bern uraufgeführt.

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Wie kommt Pepsi nach Gaza? Durch einen der etwa 500 Tunnels, die unter der ägyptischen Grenze durchgegraben wurden. Da die israelische Blockade mit Mauern und Checkpoints kaum passierbar ist, wird mittlerweile der tägliche Bedarf an Lebensmitteln und Medikamenten durch die Tunnel transportiert. Wie kann man das Bewusstsein für Kassam-Raketen wecken, die über Israel abgefeuert werden? Indem man seinen Facebook-Status an «Qassam-Count» (Kassam-Zähler) stiftet. Immer wenn eine Rakete in Israel einschlägt, erscheint neben dem Foto des Users: «One or more rockets hit Israeli civilian areas today.»

Das sind lediglich zwei Absurditäten aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt, der bereits über 60 Jahre dauert. Die Wurzeln des Krieges sind nun auf der Bühne zu sehen. «Die Vertreibung» ist das erste deutschsprachige Theaterstück, das sich mit dem israelisch-arabischen Krieg von 1948 und seinen Konsequenzen für die Palästinenser bis in unsere Tage auseinandersetzt. Es fusst auf Augenzeugenberichten aus der Zeit von 1948 bis heute und endet mit einem Epilog zur «Operation Gegossenes Blei», die 2008 gegen Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen begann.

Dokumente und Zitate

In vier Fragmenten kommen in der Form des Dokumentartheaters israelische Soldaten, palästinensische Überlebende, ein Schweizer Gesandter des Roten Kreuzes oder Albert Einstein zu Wort. Zeitungsberichte, historische Dokumente und Kommentare fliessen in das Stück ein – so zum Beispiel ein Zitat von Ben Gurion, dem ersten Ministerpräsident Israels: «Ich bin für Zwangsumsiedlung; darin sehe ich nichts Unmoralisches.»

Die «Neuen Historiker» Israels korrigieren heute das offizielle Geschichtsbild Israel, das von einem freiwilligen Exodus der Palästinenser während des Krieges von 1948 ausgeht. Tatsächlich wurden rund 750000 Palästinenser nicht nur aus jenen Gebieten vertrieben, welche die Uno Israel zugeteilt hatte, sondern auch aus Territorien, die den Palästinensern zugesprochen worden waren. Damit wird das Faktum der gewaltsamen Vertreibung anerkannt.

Geschichte neu schreiben

Dem Autor und Regisseur des Stücks, Roland Merk, geht es darum, das Leiden der Menschen ins Zentrum zu stellen und durch die Beschreibung Kritik an den Verhältnissen zu üben: «Das Ideal des Historikers ist, die Geschichte unbeteiligt so zu erzählen, wie sie war. Das Ideal des Schriftstellers ist es, die Geschichte und das Leid so zu erzählen, dass sie sich nicht noch einmal wiederholen.»

Sein Anliegen sei es, der «Entrechtung und Schikanierung der Palästinenser durch ein kafkaeskes Besatzungssystem und der illegalen Besiedlung palästinensischer Gebiete ein Mahnmal mit den Mitteln des Theaters zu setzen», hält der in Basel und Paris lebende Autor fest. Der Konflikt soll mit anderen Augen und einer neuen Gewichtung betrachtet werden: «Es geht nicht an, den Nahost-Konflikt nur unter den bei Medien so beliebten Bildern von Bombenattentätern und Steine werfenden Jungen in das Blickfeld zu bekommen. Man beschreibt so nur Wirkungen, nicht aber Gründe.»

Vorstellungen: 5. und 6.März, jeweils um 20 Uhr im Schlachthaus Theater Bern.

www.schlachthaus.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.03.2009, 10:05 Uhr

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