Der Totentanz der Maria Callas

Bern

Eine beeindruckende ­Sopranistin aber auch ­­­lang­atmige Momente und ­Effekthascherei: Der Tanzabend «Callas» hinterlässt zwiespältige Gefühle. Ein ambitioniertes Projekt, das allzu überfrachtet ­daherkommt.

Im opulenten Zimmer: Der Tod von Maria Callas steht im Tanzstück «Callas» am Anfang einer pompösen Inszenierung.<p class='credit'>(Bild: Philipp Zinniker/zvg)</p>

Im opulenten Zimmer: Der Tod von Maria Callas steht im Tanzstück «Callas» am Anfang einer pompösen Inszenierung.

(Bild: Philipp Zinniker/zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Pathetisch geht es los. Eine Tote liegt in einem mit Pomp ausstaffierten Zimmer. Sie trägt ein schönes Couture-Kleid, und ihr Ableben wird mit unverständlichem Gewisper beklagt. Schliesslich lösen sich das Zimmer und die Trauergäste, wie in einem Traum, in Nichts auf. Die Tote erhebt sich, beginnt zu singen und auf ihr Leben zurückzublicken.

Das Tanzstück «Callas» erzählt das Leben der grossen griechisch-amerikanischen Sopranistin Maria Callas (1923–1977) in Episoden. Dabei werden Gesang, Videoprojektionen, Feuerspuckerei, Akrobatik und Tanz zu einem allzu überfrachteten Ganzen kombiniert.

Doppelt gemoppelt

Estefania Miranda, Tanzdirektorin bei Konzert Theater Bern, ist für Konzept, Regie und Dramaturgie verantwortlich. Es gelingen starke Momente, die aber allzu oft durch Effekthascherei, durch allzu plakatives Illustrieren an Reiz verlieren. Raumfüllende Videoprojektionen lenken unnötig von der Choreografie ab, die angesichts des ganzen optischen «Lärms» zum Beiwerk verkommt.

Um die Schizophrenie des Ruhmes darzustellen, werden Spiegel aufgefahren, Verdoppelungen so exzessiv zelebriert, bis man tatsächlich glaubt, doppelt zu sehen. In einer labyrinthartigen Bühnenarchitektur (Till Kuhnert) geistern Maria Callas, ihre verschiedenen Ichs und ihre zahlreichen Seelenzustände herum. Die Inszenierung leidet am Horror Vacui, der Angst vor der Leere.

Verdoppelungen werden so exzessiv zelebriert, bis man tatsächlich glaubt, doppelt zu sehen.

Das Berner Symphonieorchester jedoch glänzt unter musikalischer Leitung von Jochem Hochstenbach. Und Star des Abends ist die russische Sopranistin Alexandra Lubchansky, die verschiedene legendäre und weniger bekannte Arien der Callas interpretiert und dabei jeweils Szenenapplaus erhält. Lubchansky gibt am Stadtheater Bern ihr Debüt und begeistert darstellerisch wie gesanglich. Die deutsche Sopranistin Elissa Huber wird sie an zwei Abenden vertreten.

Durch die mit Bedacht ausgewählten Arien wird deutlich wie sehr bei der Callas Kunst und Leben sich gegenseitig imitierten: So war die Sängerin etwa so unglücklich verliebt wie die von ihr dargestellte Heldin Madama Butterfly. Ende der 1950er-Jahre wurden sie und der Reeder Aristoteles Onassis ein Paar. Sie liebte ihn abgöttisch, er sah in ihr bloss eine Trophäe.

Mit ellenlangem Schleier auf dem Kopf (Kostüme: Catherine Voeffray) wird aus der Sopranistin eine tragische Braut. Fünf Tänzerinnen in Skelettkorsagen, die ebenso morbid wie glamourös wirken, stellen verschiedene Facetten des Stars dar.

Ambitioniertes Spektakel

Das Problem dieser aus allen Rohren schiessenden Produktion ist auch das Spartenübergreifende: Gute Tänzer sind nicht zwangsläufig gute Schauspieler und umgekehrt. In «Callas» verheddern sich manche Tänzerinnen und Tänzer in übertriebener Gestik und Mimik, während die Sopranistin alles andere als zwingend in die Choreografie eingebaut wird. So «muss» sie einen wenig graziösen, angedeuteten Liebesakt mit Onassis (Winston Ricardo Arnon) tanzen.

Plausibel erzählt wird Aufstieg, Zusammenbruch und Comeback der Diva. Auch ohne das Leben der Callas im Detail zu kennen, begreift man Tragik und Glanz, des mit 53 Jahren in Paris verstorbenen Weltstars. Estefania Mirandas ambitioniertes Ballettspektakel ist ein opulenter Totentanz, der leider zu wenig auf den Tanz selbst vertraut.

Nächste Vorstellung:Freitag, 9. 12., 19.30 Uhr, Stadttheater, Bern. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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