Das Wohnzimmer der Grosseltern als Bühne

Wie es ist, im Alter älter zu werden: Darüber lässt Sandra Forrer ihre Grosseltern in der neuen Produktion des Duos Heiniger/ Forrer sprechen. Ein intimes Theatererlebnis, das noch weiteres Potenzial hat.

Das Gute-Nacht-Sagen gehe nicht mehr so gut, sagt «Grossmami» Liselotte Wullschleger. Ja, ergänzt Hans-Ruedi, heute müssten sie sich stehend vor dem Zu-Bett-Gehen umarmen, im Bett machen die alten Knochen nicht mehr mit. Über achtzig sind die beiden, seit mehr als sechzig Jahren sind sie ein Paar. Wie es ist, alt zu sein und im Alter älter zu werden, darüber sprechen sie in der Theaterinstallation «Passing You» von Heiniger/Forrer im Tojo-Theater in Bern.

Um den Zuschauerraum herum wird man durch einen dunklen Gang an eine Türe geführt. Öffnet man diese, tritt man ein in ein Zimmer: Kolorierte Drucke an der Wand, eine Zimmerpflanze, braune Sessel und ein Sofa verleihen dem geschlossenen Kubus Wohnlichkeit, die in den 50er-Jahren modern gewesen wäre (Bühne: Anna Bucher, Markus Schrag). Der Teddybär auf dem Sofa muss weichen, damit vier Theaterbesucher darauf Platz finden. Und dann fällt der Blick auf ein Abbild von Teddy und Sofa auf dem flirrenden Standbild im Fernseher. Kurz darauf nehmen Liselotte und Hans-Ruedi Wullschleger dort Platz. Zuschauerraum und Bühne, reale Welt und aufgezeichnetes Video verschmelzen, und während das alte Paar auf dem Bildschirm vom Fluss der Zeit, von Tod und Krankheit, Liebe, Freundschaft und Gemeinsamkeit spricht, wähnt man sich tatsächlich zu Gast in der Wohnung der Grosseltern von Theaterautorin Sandra Forrer.

Formal bestechender Ansatz

Doch so einnehmend der Effekt ist, so schnell verflüchtigt er sich: Man gewöhnt sich an das ungewöhnliche Setting, und bald einmal unterscheidet sich die Theaterinstallation nicht mehr gross von dokumentarischen Videostationen, die zum Standardinventar zeitgenössischer Museumsausstellungen geworden sind. Wenn jedoch das Ehepaar Wullschleger in einer Videoprojektion auf das Sofatischchen Wiener Schnitzel mit Knöpfli anrichtet, während man im Hintergrund das Fett auf dem Herd brutzeln hört (Video und Technik: Efa Mühlethaler), materialisiert sich das verschobene Zeitgefühl. Gerade auch im veränderten Erleben von Raum, über das das alte Paar wiederholt spricht, liegt in solchen Zugängen noch viel Potenzial, das Dokumentarische als vielschichtiges Theatererlebnis zu verdichten (Konzept und Umsetzung: Sandra Forrer, Dramaturgie: Sibylle Heiniger). Denn in ihrem formalen Ansatz ist die Theaterinstallation bestechend.

Berner Zeitung

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