Ausbruch aus der Angst

Laut und mahnend eröffnet die Uraufführung von «Verdingbub» die Saison des Berner Stadttheaters. Das Stück Schweizer Geschichte berührt und stimmt nachdenklich.

Mit energischem Durchhaltewillen: Verdingbub Max (Nico Delpy).

Mit energischem Durchhaltewillen: Verdingbub Max (Nico Delpy). Bild: zvg/KTB

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Als die Lichter ausgehen, schreitet aus dem Halbdunkel ein Handorgelspieler hervor, der sich am linken Bühnenrand auf einem Stuhl niederlässt. Schauspieler Nico Delpy, der den Verdingbub Max spielt, gesellt sich zu ihm auf die Bühne. Zu den melancholischen Klängen der Handorgel erzählt Max, ans Publikum gewandt, wie er vom Waisenheim auf den Hof der Familie Bösiger auf der Dunkelmatte kommt.

Für Max ist es zunächst noch eine Erlösung: «Ig cha chrampfe», sinniert er auf der gedanklichen Reise zum Hof. Das Erste, was Max bei Ankunft auf der Dunkelmatte verliert, sind seine Schuhe. So ergeht es auch Berteli (Miriam Joya Strübel), als es in die Obhut von Müeti kommt, und das ist nicht das Einzige, was den beiden Verdingkindern im Lauf der Handlung weggenommen wird.

Vorlage für «Verdingbub» ist das Drehbuch von Plinio Bachmann, das 2011 verfilmt wurde. Das Stadttheater ist nicht nur für den adaptierten Stoff eine neue Umgebung, sondern auch für Schauspielchef Cihan Inan. Dieser hat für seine erste Saison bei Konzert Theater Bern neue Schauspieler ins Ensemble geholt. Eine von ihnen ist Grazia Pergoletti, die in «Verdingbub» die manipulative Bauersfrau Müeti spielt. Regisseurin Sabine Boss kehrt nach zahlreichen Kinoprojekten («Der Goalie bin ig») zurück zum Theater.

Emotion und Abstraktion

Auf der Bühne vereint ein drehbarer mehrstöckiger Holzkubus (Bühne: Hugo Gretler, Marialena Lapata) alle Orte, an denen «Verdingbub» spielt: Im unteren Teil des Blocks blickt man in die karg eingerichtete Wohnstube. Hier wird gegessen und gestritten. Bösigers sitzen am Tisch, Max und Berteli sinnbildlich am Boden. Oben zieht sich über die gesamte Länge des Blocks die Kammer der Verdingkinder, die von der Rückseite her über eine Matrix aus Holzleisten zu beklettern ist. Der raue, geometrische Holzklotz steht im Kontrast zum emotionsgeladenen Beziehungsgeflecht, in dem sich die Schauspieler hin und her winden.

Bei Szenenwechsel wird der Holzblock um die eigene Achse gedreht. Wie das Drehen eines übergrossen, sperrigen Mühlsteins wirkt das. Ein Mühlstein, der die vergiftete Beziehung des alkoholkranken Bauers Bösiger, seiner ihn verachtenden Frau und seines gewalttätigen Sohnes darstellt.

Nicht alle Filmsequenzen funktionieren im Theater. So fehlen etwa der Versuch Bertelis, zurück zu ihrer Mutter zu flüchten, oder die Zeit von Bauerssohn Jakob (Jonathan Loosli) im Militär. Diese Szenen werden von den Schauspielern zum Publikum gesprochen – was vorübergehend erzählerische Distanz schafft.

Doch schon im nächsten Moment leidet man wieder mit. Beobachtet, wie Bertelis anfangs schön geflochtenes Haar immer zerzauster wird. Das Mädchen dreht sich verzweifelt singend im Kreis, während Max sich mit aller Kraft gegen Unterdrückung und Ausbeutung stemmt. Es sind energische Verdingkinder in Sabine Boss’ «Verdingbub». Die Energie, mit der sie sich oft lauthals gegen die Erniedrigungen der Bösigers wehren, ist wenig kindlich. Fürs Kindsein bleibt in der Welt von Verdingkindern kein Platz.

Die Angst ist aber nicht nur bei Max und Berteli zu Hause, sondern auch bei der Bauersfamilie. Sie fürchtet sich vor Ungeliebtheit, Kontrollverlust oder vor der schlichten Realität. Und sie äussert sich laut, diese Angst. Einmal eskaliert das Gespräch zwischen Müeti Bösinger und Sohn Jakob. Als ihn die Mutter für die Besuche in Bertelis Kammer zur Rechenschaft zieht, fliegen die Metallkübel in einem ohrenbetäubenden Gerassel durch die Luft. Das Publikum schreckt selbst vor Furcht zurück.

Nicht zu laut ist diese Aufführung, sie trifft genau den richtigen Ton dafür, zu verstehen, wie sich die Verdingkinder unter der Herrschaft dysfunktionaler Familien gefühlt haben müssen. Sabine Boss nutzt aber auch Gelegenheiten für humoristische Einwürfe. Bei der Herrichtung der Kulisse zum Schwingfestplatz misst der Gemeindepräsident penibel schweizerisch den Abstand zwischen den Blumenkisten. Auch die dauernd niesende Lehrerin sorgt zuweilen für Lacher.

Wirkungsvoll

Mit Licht und musikalischer Gestaltung geht Boss sparsam, aber wirkungsvoll um. Während Käfer über den Stoff krabbeln, spürt man den Herbst des Stücks, die dringend notwendige Veränderung. Bei einem Todesfall wird ein langer Klang der Handorgel zum Ton des Herzstillstands, während kränklich-blaues Licht auf den Holzblock strahlt.

Man verlässt die Vorstellung mit einem Gefühl der Verantwortung. Das Thema Verdingkinder gehört zwar der Vergangenheit an, aber die Emotionen, die bei der Konfrontation damit entstehen, sind real und gegenwärtig. Und sie mahnen: Dieses Kapitel der Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Weitere Aufführungen: bis zum 21. April, Stadttheater, Bern. Alle Daten und Tickets: www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.10.2017, 19:58 Uhr

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