Aua, das ungezogene Kind des Stadttheaters jubiliert

Mainstream? Glamour? Trendtheater? Nein, danke. Das Berner Theatertreffen Auawirleben, 1983 von einem «unterforderten» Stadttheaterdirektor lanciert, ist sich in vielem treu geblieben.

Peter Borchardt, Ex-Stadttheaterintendant, Begründer und langjähriger Leiter des Festivals Auawirleben (Aufnahme von 1988).

(Bild: Stefan Anderegg)

Oliver Meier@mei_oliver

«Hoppla, wir leben!» – so nannte der deutsche Dramatiker Ernst Toller (1893–1939) sein gesellschaftskritisches Stück, das zum grössten Theatererfolg der Weimarer Republik avancierte. Jahrzehnte später liess sich Berns Stadttheaterdirektor Peter Borchardt mit seiner Dramaturgencrew davon inspirieren: Kaum im Amt, rief der widerborstige Intendant 1983 ein Festival ins Leben, das die träge Berner Stadttheaterwelt aufmischen sollte: «Aua, wir leben!» Später in einem Wort und ohne Ausrufezeichen. Aber stets mit emphatischem Anspruch.

«Am Stadttheater wurden damals fast nur etablierte Klassiker gezeigt. Peter fand das langweilig. Er wollte dem zeitgenössischen Theater mehr Raum geben und suchte neue Formen innerhalb des Dreispartenbetriebs, den er als beengend empfand», erzählt Beatrix Bühler, die damals als Assistentin und Regisseurin im Haus engagiert war. Borchardt und sein Team luden aktuelle Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ein. Zudem wurde die Zusammenarbeit mit einheimischen Dramatikern forciert, darunter Beat Sterchi, Hansjörg Schneider und E.Y. Meyer.

«Zu Beginn konnte es passieren, dass ein zeitgenössisches Stück im Grossen Haus vor fünfzig Leuten über die Bühne ging. Es dauerte, bis sich das Festival durchsetzte, so Bühler. Borchardt, Berns (allzu) mutiger Intendant, wurde 1988 geschasst. Und mit ihm löste sich das Festival vom Stadttheater, fand seine neue Heimat im Alten Schlachthaus, später auch in der Dampfzentrale.

Dass Auawirleben – hoppla! – immer noch lebt, ist nicht zuletzt das Verdienst der künstlerischen Leiterin Beatrix Bühler, die sich seit 1985 für das Festival engagiert – heute an der Seite von Reina Gehrig und Nicolette Kretz. Einiges hat sich verändert in den Jahren: Eigenproduktionen etwa, früher durch das «Berner Ensemble» auf die Aua-Bühnen gebracht, macht das Festival heute nicht mehr; das programmatische «Klassiker»-Verbot von einst ist aufgehoben, und manches «Beiwerk» im Rahmenprogramm, das für den obligaten Überbau sorgte, ist längst beerdigt worden.

«Undogmatische» Macherinnen

Doch neu erfunden hat sich das Theatertreffen bis heute nie. Und das gehört mit zum Charme des «Unzeitgemässen», den das Berner «Woodstock des Theaters» (Ariane von Graffenried) ausstrahlt – über die Landesgrenzen hinaus. Geblieben ist die Abneigung gegen Kassenschlager und glamouröse Grösse, geblieben ist die Lust am Entdecken, die Überzeugung, dass Theater – aua! – der Stachel im gesellschaftlichen Fleisch sein muss, um relevant zu sein. Geblieben ist aber auch «Auawirleben», dieser seltsame Name, der klingt wie das Echo aus einer Zeit, als das Protestieren noch geholfen hat. «Wir wollten den Titel immer wieder abschaffen, weil er uns verstaubt schien. Aber er passt. Wir sind nicht trendy, zeigen nicht einfach, was gerade angesagt ist, sondern was uns künstlerisch überzeugt», sagt Bühler. Und Nicolette Kretz betont das «Undogmatische»: «Wir sagen nie von vornherein: Das machen wir nicht.»

Was möglich ist, bleibt eine Frage des Budgets, das ist bescheiden geblieben ist – obwohl der jährliche Beitrag von Stadt und Kanton zuletzt auf insgesamt 330000 Franken erhöht worden ist. Von Beiwerk und Brimborium kann denn auch bei der Jubiläumsausgabe keine Rede sein. «Wir könnten ein grosses Fest machen, dafür eine Produktion weniger. Aber das wollten wir nicht», sagt Kretz. «Wir sagten uns: Aua feiert sich schlicht mit einer schönen, künstlerisch hochstehenden Ausgabe.»