Zehn aussergewöhnliche Bundesratskarrieren

Droht Eveline Widmer-Schlumpf das politische Ende? Ihre Laufbahn ist speziell – doch es gab schon verrücktere.

Ist Eveline Widmer-Schlumpf im Dezember noch Bundesrätin? (18. Juni 2015)

Ist Eveline Widmer-Schlumpf im Dezember noch Bundesrätin? (18. Juni 2015) Bild: Keystone

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Als Eveline Widmer-Schlumpf 2007 in den Bundesrat gewählt wurde, rieben sich viele die Augen. Eveline wer? An die Bündner Regierungsrätin hatte kaum jemand gedacht, die Anti-Blocher-Fraktion hatte sie «aus dem Hut gezaubert» (NZZ vom 12.12.2007). Widmer-Schlumpfs Laufbahn gehört damit – einerlei, ob sie nun Ende Jahr abgewählt wird, zurücktritt oder bleibt – zu den ungewöhnlichsten Bundesratskarrieren. Doch es gab noch verrücktere, zum Beispiel jene von...

... 1. Ulrich Ochsenbein (Bundesrat 1848–1854)
Der Abgewählte
Als Ulrich Ochsenbein 1848 in den Bundesrat gewählt wurde, war der Berner ein Volksheld. Er hatte einen viel bejubelten Freischarenzug gegen die Konservativen angeführt. Während seiner Amtszeit mässigte sich Ochsenbein – und verlor so die Unterstützung des radikalliberalen Lagers. Bei der Erneuerungswahl 1854 stand er auf verlorenem Posten. Ochsenbein habe seine Abwahl wohl geahnt, schreibt Historiker Urs Altermatt in seinem «Lexikon der Bundesräte». Statt in eigener Sache zu lobbyieren, ging Ochsenbein auf die Jagd. Nach Ochsenbein wurden nur noch Jean-Jacques Challet-Venel (1872), Ruth Metzler (2003) und Christoph Blocher (2007) abgewählt.

2. Josef Munzinger (1848–1855)
Im Amt gestorben
Josef Munzinger war der erste Finanzminister des Bundesstaats. Früh litt der Solothurner an diffusen gesundheitlichen Problemen: Depressionen, Überreizung, Nervenversagen. Zuletzt musste Munziger mit dem Rollstuhl ins Bundeshaus gefahren werden. Ein Rücktritt war für Munzinger offenbar dennoch undenkbar. Anfang 1855 brach er während einer Sitzung zusammen, wovon er sich nicht mehr erholte. Der vielleicht tragischste Bundesrat starb am 6. Februar im Amt.

3. Karl Schenk (1864–1895)
Keiner blieb länger
Karl Schenk, der an der Seite von Ochsenbein am Freischarenzug teilgenommen hatte, wurde 1864 zum Bundesrat gewählt. Als Gefährte des Zürcher Industriebarons Alfred Escher setzte er sich erfolgreich für die Gotthard-Eisenbahnlinie ein, später widmete er sich Reformen des Schulwesens. Der Berner Theologe hätte noch länger im Amt bleiben können; nie habe er Symptome der Ermüdung oder Entmutigung gezeigt, lobte das «Journal de Genève». Doch 1895 ereilte ihn das Unglück: als er beim Bärengraben einem Bettler Almosen geben wollte, rammte ihn eine Kutsche. Schenk erlag kurz darauf seinen Verletzungen. Schenk amtierte 31 Jahre.

4. Numa Droz (1875-1892)
Der Jüngste
Nur 31 Jahre alt war Numa Droz, als er zum Bundesrat gewählt wurde – keiner war bei Amtsantritt jünger. Droz arbeitete erst in einer Uhrenfabrik, wurde dann Lehrer und schliesslich Journalist. Als Aussenminister überstand der junge Neuenburger die Wohlgemuth-Affäre, bei der die Anwerbung von Spitzeln in der Schweiz durch einen deutschen Beamten aufflog. Nach seinem Rücktritt wurden ihm, der sich im Ausland einen guten Namen gemacht hatte, exotische Jobs angeboten: die Stelle als Gouverneur von Kreta etwa oder ein Beraterposten am siamesischen Königshof. Droz lehnte ab und blieb stattdessen als politischer Publizist aktiv.

5. Louis Perrier (1912–1913)
Eine sehr kurze Amtszeit
Bloss 13 Monaten war Louis Perrier Bundesrat, dann verstarb der Neuenburger Architekt im Amt. Die «Suisse liberal» hielt fest: «In seiner allzu kurzen Laufbahn war Perrier keine Gelegenheit gegeben, vor dem Parlament eine wichtige Frage behandeln oder eine bedeutende Rede halten zu können.»

6. Marcel Pilet-Golaz (1928–1944)
Von Stalin gestürzt
Seine Rolle als Aussenminister war und ist umstritten. Vielen galt er als anpässlerisch gegenüber den Nazis. 1944 scheiterte der angeschlagene Pilet-Golaz beim Versuch, mit der Sowjetunion Kontakt aufzunehmen. Die sowjetische Ablehnung und Kritik manövrierte ihn definitiv ins Abseits. Wegen des massiv steigenden innen- und aussenpolitischen Drucks trat er 1944 zurück.

7. Willi Ritschard (1973–1983)
Das Arbeiterkind
Als jüngstes Kind einer Solothurner Arbeiterfamilie und gelernter Heizungsmonteur gilt Ritschard bis heute als der klassische sozialdemokratische Bundesrat schlechthin. Seine Wahl war ein kleines politisches Wunder: Ritschard profitierte von einer Dreiervakanz (!) im Bundesrat, die bürgerliche Parlamentsmehrheit schmetterte einen sozialdemokratischen Kandidaten nach dem andern ab. Nachdem Ritschard am 3. Oktober 1983 seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte, starb er nur 13 Tage später auf einer Wanderung an Herzversagen.

8. Elisabeth Kopp (1984–1989)
Die erste Frau
Nachdem Lilian Uchtenhagen die Nachfolge von Ritschard verwehrt blieb, wurde Elisabeth Kopp 1984 als erste Frau in den Bundesrat gewählt. Fünf Jahre später trat Kopp zurück. Zu gross war der politische Druck geworden, nachdem sie Informationen einer Mitarbeiterin an ihren Mann weitergeben hatte. Die Parlamentarische Untersuchungskommission hielt fest: «Nicht in erster Linie der Fehler des Telefongesprächs als solcher, sondern vor allem das Unvermögen, ihn einzugestehen, verträgt sich nicht mit den Anforderungen an eine Bundesrätin.»

9. Christoph Blocher (2003–2007)
Der Radikaloppositionelle in der Regierung
Eine Sensation im Schweizer Politbetrieb stellte bereits die Wahl von Widmer-Schlumpfs Vorgänger dar. 2003 war es so weit, nach einer erfolgreichen Parlamentswahl reüssierte der langjährige Oppositionsführer und Parteipatron. Blocher, der vorher vergeblich kandidiert hatte, sprengte die Zauberformel und verdrängte Ruth Metzler von der CVP. (lsch)

Erstellt: 25.06.2015, 14:59 Uhr

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