«Man muss bereit sein, dreinzuschlagen»

Die Bernerin Lisa Catena startet morgen ihre Satiresendung auf Radio SRF 1. Doch weibliche Comedians bleiben Mangelware auf grossen Bühnen, im Radio oder im Fernsehen. Warum eigentlich?

Frauen an die Macht – oder zumindest auf die Moderationssessel einer Late-Night-Show: Hazel Brugger (l.) und nun auch Lisa Catena stehen für weibliche Präsenz an TV und Radio.

Frauen an die Macht – oder zumindest auf die Moderationssessel einer Late-Night-Show: Hazel Brugger (l.) und nun auch Lisa Catena stehen für weibliche Präsenz an TV und Radio.

(Bild: SRF/Montage BZ)

Michael Feller@mikefelloni

Eine illustre Runde. Der «Club» auf SRF 1 diskutiert über den Schweizer Humor. Zu Gast: Urgestein Emil Steinberger, der Deutsche Michael Mittermeier, Parodist Fabian Unteregger, Witzlikönig Peach Weber, der bürgerliche Bürgerschreck Andreas Thiel – und Bloggerin-Komikerin Yonni Meyer.

Warum sitzt da bloss eine Frau? Am Tag nach der Fernsehsendung, die vor ein paar Wochen ausgestrahlt wurde, entwickelte sich auf dem Facebook-Profil von Yonni Meyer alias Pony M. eine hitzige Diskussion. Weshalb sind Frauen so wenig präsent, wenn es darum geht, über Humor zu sprechen?

Wo doch ausgerechnet eine Schweizer Frau derzeit zum Lustigsten gehört, was die deutsche Sprachgemeinschaft zustande bringt: Hazel Brugger. Die Zürcherin steht etwa als Aussenreporterin bei der satirischen «Heute-Show» (ZDF) im Einsatz.

Dranbleiben ist alles.

Ja, weshalb eigentlich? Die Antwort liegt auf der Hand: Es gibt viel weniger bekannte weibliche Comedians. «Die Frauen sind in der Szene zahlenmässig untervertreten – dies spiegelt sich auch in den Sendungen wider», sagt wenig überraschend das Schweizer Fernsehen auf Anfrage. Die Annahme, Frauen seien einfach weniger lustig als Männer, ist zwar noch immer verbreitet, aber Unfug. Der Gegenbeweis lauert im Alltag. Oder bei Hazel Brugger.

Oder etwa bei Poetry-Slams. Beim Lyrikwettstreit gibt es viele Frauen, die witzig sind. Auffallend ist aber auch: Je grösser die Bühne, desto mieser der Frauenanteil. Wenn es politisch wird und angriffig, sind Frauen kaum präsent. Bei den Gründen für das Ungleichgewicht spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Rollen­bilder etwa. Oder die Tatsache, dass viele Frauen in einem umkämpften Umfeld weniger zäh dranbleiben als die männliche Konkurrenz.

Die Berner Kabarettistin Lisa Catena ist eine, die kämpft. Nicht nur um ihre persönliche Chance, sondern auch um eine bessere Frauenvertretung. «In der Comedy ist es wie in der Wirtschaft. Auf Open Stages und kleinen Bühnen gibt es ganz viele tolle Frauen. Wo aber Frauen nicht sind: dort, wo es um Einfluss, Meinungsmache und Prestige geht.

Also im TV und im Radio, als Gastgeber in einem Late-Night-Format oder als Moderatorinnen einer relevanten Satiresendung.» So siehts aus. Jan Böhmermann im «Neo Magazin Royale» auf ZDF neo, Oliver Welke bei der ZDF-«Heute-Show», Giacobbo/Müller (2008– 2016) bei SRF: alles Männer. Frauen, die eine grosse Satire­sendung moderieren, gibt es im deutschen Sprachraum nicht. In den USA wenige.

Den Frauen bleiben die kleinen Auftritte und das Radio. Lisa Catena selbst hat ab kommendem Mittwoch bei Radio SRF 1 ihre eigene Politsendung, die zunächst viermal pro Jahr ausgestrahlt wird, einmal pro Bundeshaussession (siehe Box). Immerhin. Um diesen Platz zu kriegen, hat sie die SRF-Abteilungschefs beharrlich bearbeitet. Etwas, das übrigens auch Männer tun, wenn sie eine Sendung wollen.

Selbstbewusstes Austeilen

Was braucht es denn, um politisches Kabarett zu machen? Mehr als Haltung: «Man muss bereit sein, dreinzuschlagen. Man muss aber mindestens so gut einstecken können», sagt Catena. «Wer eine Haltung vertritt, ist immer angreifbar.» Sie habe das Gefühl, dass sie einstecken könne. «Darum mache ich das.»

Die Aargauer Humoristin Patti Basler hat wie Lisa Catena eine Sendung im Radio SRF. Schon der Titel «Die dargebotene Faust» weist darauf hin: Auch Basler macht keine Zimperliesenwitze. «Humor ist oft dann gut, wenn er gegen oben austeilt. Das braucht Selbstbewusstsein.»

Sie sieht im Geschlechterungleichgewicht ei­nen breiteren Zusammenhang: «Dass man Frauen nicht wahrnimmt, ist tatsächlich ein Problem, das es in vielen Branchen gibt», sagt Patti Basler. Für sie nimmt sich das Schweizer Fernsehen als Leitmedium etwas leicht aus der Pflicht. «Im ‹Club› über Humor war der Frauenanteil nicht repräsentativ. Auf diese Art zementiert man ein Bild: dass Frauen nicht lustig sind.»

Basler, die ihre Karriere als Comedian bei Poetry-Slams lanciert hat, beobachtet das Gegenteil: «Ich habe auf den offenen Bühnen viele schlechte Männer gesehen. Aber sie haben sich getraut, auf die Bühne zu stehen.» Während der eine oder andere schlechte Mann durch wiederholte Auftritt gut werde, bliebe viel weibliches Talent verborgen, weil manche Frauen sich gar nicht erst getrauen, ins Rampenlicht zu stehen. «Frauen müssen oft ein wenig geschubst werden.»

Also, Hopp!

Berner Zeitung

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