Oper

Ein Kuppler à la Coppola

OperRossinis Belcanto-Bombe «Il barbiere di Siviglia» überzeugt bei Theater Orchester Biel-Solothurn als Mafia­knaller.

Mafiös: Manuel Núñez Camelino als Conte Almaviva und Geani Brad als Figaro.

Mafiös: Manuel Núñez Camelino als Conte Almaviva und Geani Brad als Figaro. Bild: zvg/Sabine Burger

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Frisch frisiert in die Saison: Die 200-jährige Opera buffa «Il barbiere di Siviglia» von Gioachino Rossini, uraufgeführt 1816 in Rom, hat in Biel nichts von ihrer Schlagkraft eingebüsst. Regisseur Joël Lauwers verleiht der Verwechslungskomödie nach dem Libretto von Cesare Sterbini zusätzlichen Drive.

Er verpflanzt die Geschichte um eine fast verhinderte Liebe in ein mafiöses Setting und punktet im sprudelnden Rossini-Takt mit brillanten Einfällen. Für seine Lesart stand «Der Pate» von Francis Ford Coppola Pate, und das erschliesst sich nicht erst nach der Pause, wenn die Filmmelodie kurz erklingt.

Klandestine Gestalten in Gi­golomontur tummeln sich vor dem Haus der Rosina, darunter Graf Almaviva. Ein gefährliches Unterfangen, denn die Schöne in Chanel-Couture ist das Mündel von Bartolo, bei Lauwers ein grimmiger Mafiaboss. Seine Knarre sitzt so locker wie Rossinis Notierungen.

Der freche ­Figaro, der die Cavatine «Largo al factotum» angetrunken, aber nicht minder bravourös in die Gasse schmettert, weiss Rat: Damit der ungelenke Adlige das Herz Rosinas gewinnt, braucht es Maskerade. Das Ständchen am Fenster singt Almaviva ohne ­Travestie, dafür begleitet von einem Gitarristen und mit Zapateado, dem feurigen Flamencostampfen.

Spanien mit Italianità

In der aberwitzigen Lesart von Joël Lauwers vermischen sich leicht die Stil-Epochen. Das passt zum Auftragswerk, das der Maestro zu Teilen aus früheren Opern gezimmert hat. Die Vorlage lieferte der Franzose Beaumarchais, die Komödie mit Mitteln der Commedia dell’Arte spielt in Spanien, Rossinis musikalische Raserei könnte nicht italienischer sein.

Im Bühnenbild und in den Kostümen von Poppi Ranchetti erkennt man eine Zeit, die wie Coppolas Klassiker in den Vierzigern angesiedelt ist. Der Zweiakter entspinnt sich in einer Hotelhalle mit Bodegacharme, der mit seinen Arabesken an die Mauren erinnert. Die Poster an den Wänden, darunter Fernandel oder Marilyn Monroe, weisen in die frühen Fünfziger.

Geballert wird in Mafiamanier. Bevor im Finale des ersten Akts das Sextett «Ma signor.» «Zitto tu!» intoniert wird, erschiesst Rosina aus Versehen ihren Vormund Don Bartolo. Nur ein Flachmann in der Brusttasche rettet ihm das Leben. Die Ohrfeigen werden im Minutentakt verteilt und das auch mal in Zeitlupe.

Wenn den affektgesteuerten Bartolo die Arie langweilt, legt er eine Schellackplatte von Mario Lanza auf. Der Witz in dieser filmischen Inszenierung ist nie überdreht, sondern erforscht exakt die Stellen in der Partitur, die sich für klugen Slapstick eignen. Es ist eine Kunst, Rosina auf der Treppe stolpern zu lassen, damit im gleichen Moment die passende Koloratur ihre goldene Kehle verlässt.

Topensemble in Spiellaune

Das Barbiere-Ensemble befindet sich in bester Spiellaune. Tenor Manuel Núñez Camelino überzeugt als Almaviva mit feiner Lyrik und soliden Belcantobögen. Sein Talent für Komik scheint angeboren.

Leonardo Galeazzis Bariton ist eine bebende Kraft, sein Bartolo mit Buffo-Geplapper eine Wucht. Reut Ventorero bewegt ihren Mezzosopran in «Una voce poco fa» farbig im Brustton und klar im Ziergesang. Figaro ist mit Geani Brad eine Traumbesetzung, er meistert mit seinem sonoren Bariton jede Phrase.

Boris Petronje als Basilio betört mit dunklem Bass. Das Sinfonie­orchester Biel-Solothurn unter der Leitung von Franco Trinca sowie der Chor unter Valentin Vassilev begeistern mit sprühender Verve und sublimer Finesse.

Dass der Bieler Stadtrat die Sparaufträge für Tobs und Museum als unerfüllbar zurückgewiesen hat, ist ein guter Entscheid. Mag sein, dass beim kräftigen Schlussapplaus auch diese Tatsache bejubelt wurde.

«Il barbiere di Siviglia»: Vorstellungen in Solothurn und Biel bis 20. Januar. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.09.2017, 11:06 Uhr

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