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«Sei an erster Stelle ein Mensch und erst an zweiter ein Tänzer»

Sie rekonstruiert historische Stücke und weckt mit ihren «Bühnentigern» die Tanzbegeisterung des Nachwuchses. Für ihr Engagement wird die Berner Tanzschaffende Karin Hermes (51) nun mit dem kantonalen Kulturvermittlungspreis geehrt.

Stefanie Christ
«Das Tanzen fördert die Persönlichkeit»: Karin Hermes liebt das Forschen ebenso wie das Vermitteln.
«Das Tanzen fördert die Persönlichkeit»: Karin Hermes liebt das Forschen ebenso wie das Vermitteln.
Beat Mathys

«Rauf die Treppe und wieder runter!» Die Kinder folgen den Anweisungen von Karin Hermes. Lachend nehmen sie die Stufen in Angriff. Später geht es raus, auf die Wiese, auf der sich so wunderbar Purzelbäume schlagen lassen. Schon die Aufwärmrunden der «Bühnentiger» lassen erahnen, dass Hermes’ Tanzunterricht nichts mit den strengen Lektionen gemein hat, die viele aus Filmen wie «Black Swan» oder der Kultserie «Anna» kennen.

Es geht um die Freude an der Bewegung – so machen schon 4-Jährige eifrig mit, wenn die 51-Jährige Tänzerin und Choreografin mit ihren «Bühnentigern» Stücke einstudiert, aktuell etwa für Aufführungen im Berner Generationenhaus. Bei allem Spass sind die Qualitätsansprüche von Hermes hoch, auch bei den Kinderprojekten: «Das Tanzen fördert die Persönlichkeiten, gerade auch, wenn sich die Kinder an Werkstrukturen reiben müssen.» Die erste Lektion, die Hermes ihren Eleven mit auf den Weg gibt? «Sei an erster Stelle ein Mensch und erst an zweiter Stelle ein Tänzer.»

Nicht nur im Zusammenspiel mit ihren kleinen Schülern: ­Hermes, Mutter zweier Töchter, strahlt Bodenständigkeit aus. Wortwörtlich, denn die Tänzerin ist gerne fest verbunden mit dem Grund, sitzt beim Reden mit Vorliebe auf dem Boden. Nur kurz vor einer Premiere blitzt in ihren blauen Augen ein Anflug von Nervosität auf.

In den letzten Jahren hat sie sich vermehrt von der Bühne zurückgezogen und sich aufs Choreografieren konzentriert. 2008 stellte sie im Bauhaus-Tanzstück «In der grünen Ecke des Kreises» vor Berner ­Publikum nochmals ihr Können unter Beweis. Mit zehn an Armen und Beinen befestigten langen Holzstäben bewegte sie sich durch den Raum und manövrierte die Fremdkörper dabei scheinbar mühelos aneinander vorbei.

Ohne Klischee

Ihre Ausbildung absolvierte die gebürtige Zürcherin, die 2005 nach Bern zog und heute in Grossaffoltern lebt, unter anderem an der Ballettakademie Zürich, der Musikhochschule Köln und am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse Paris. Den klassischen Tanz im engsten Sinn – Hermes kennt ihn: dünn sein um jeden Preis, Tütü, lange Strähnen adrett zum Dutt gebunden. Früh schon hat sie dagegen rebelliert und sich die Haare kurz geschnitten.

Tanzklischees interessierten sie noch nie. Der starke Mann, der die Frau hebt? Nicht bei ­Hermes. In ihrer Tanzkompanie Hermesdance, mit der sie von ­Paris nach Brasilien durch die halbe Welt tourt, werden rege die Geschlechterrollen vertauscht. Ganz nach den historischen Wegbereitern, etwa dem amerikanischen Choreografen Merce Cunningham (1919–2009). Die Tanzhistorie, sie zieht sich wie ein ­roter Faden durch Hermes’ Schaffen, das immer wieder um alte, in Vergessenheit geratene Stücke kreist.

Hermes vermittelt: Mit der Kindertanzgruppe Bühnentiger. Bild: Oliver Menge / zvg
Hermes vermittelt: Mit der Kindertanzgruppe Bühnentiger. Bild: Oliver Menge / zvg

Doch wie rekonstruiert man Tanzstücke, die zu einer Zeit entstanden sind, in denen es noch keine audiovisuellen Aufnahmemöglichkeiten gab? Indem man sie liest. Hermes gehört zu jenen, die sie noch beherrschen und ­lehren, die Labanotation. Viele kämpften sich in der Ausbildung durch die von Tanzpionier Rudolf von Laban (1879–1958) entwickelte schriftliche Aufzeichnungsform von Bewegungsabläufen. Für Aussenstehende muten die Notationen, die man nicht von links nach rechts, sondern von unten nach oben liest, wie geometrische Stenografie an. Punkte, Dreiecke oder lang gezogene Rechtecke stehen für Körperpositionen und erlauben es, Tanzbewegungen zu überliefern – über Jahrzehnte hinweg.

Hermes interpretierte in den letzten Jahren unter dem Titel «Betwixt and Between» etwa die Choreografie «Rooms» der Amerikanerin Anna Sokolow (1910–2000) neu. 1954 uraufgeführt, handelte es sich um das erste Werk, das Stühle als Requisiten einband. In «Flügel an Flügel» griff Hermes auf Jean Weidts (1904–1988) Stück aus dem Jahr 1928 zurück und kombinierte es mit Maskentänzen. Denn Hermes entwickelt die historischen Stücke weiter, greift dafür auf Theater- und Musikelemente und auf alles zurück, was die Multimedialität zu bieten hat.

In «Flügel an Flügel» projizierte sie Videos auf die gesichtslosen Masken der Tänzerinnen und Tänzer. Kein Wunder, dass Hermes auch für die Regie des Imagefilms «100 Jahre Schweizer Tanz» des Bundesamts für Kultur zuständig zeichnete und für die Geburtenabteilung des Universitätsspitals Genf eine tänzerische Videoinstallation verantwortete.

Mit Sinnlichkeit

Durch die Öffnung des Tanzbegriffs gelingt es der Preisträgerin des eidgenössischen Tanzpreises immer wieder, das Analytische ihrer Stücke aufzubrechen und ihnen Sinnlichkeit einzuhauchen. Diese Symbiose prägt auch Hermes’ Persönlichkeit: Sie spricht akzentuiert, auf den Punkt – aber immer zugänglich und herzlich. Sie forscht zur Tanztheorie und gibt sich mit der gleichen Leidenschaft der Tanzförderung hin. «Für mich ist es ganz natürlich, diese Welten ­gehören zusammen. Sowohl bei den Kindern als auch in der Forschung spielen die kognitive, die emotionale und die physische Ebene zusammen.»

Heute Abend wird Hermes mit dem Kulturvermittlungspreis des Kantons Bern geehrt. «Es war nicht immer einfach, als aussenstehende Profitänzerin in Bern Fuss zu fassen», blickt sie zurück. «Doch wer dranbleibt, erlebt in Bern eine grosse Treue. Diese Auszeichnung berührt mich tief.»

Preisverleihung: heute, 20. 9., 19.30 Uhr, Volkshaus Biel.

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