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Zwei Überschlagzeuger auf Achterbahnfahrt

Antonio Sanchez und Mark Guiliana gehören zur neuen Schlagzeugergeneration: Sie können alles, sind präsent, aber nicht aufdringlich. Beide haben kürzlich neue, völlig unterschiedliche Alben veröffentlicht.

Mark Guiliana.
Mark Guiliana.
zvg
Antonio Sanchez.
Antonio Sanchez.
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Sie sind der traditionellen Rolle des Schlagzeugers als purem Rhythmuskeeper entwachsen und mit allen Wassern gewaschen. Auch die Emanzipation um der Emanzipation willen hin zum pulsenden Anderssein liegt hinter ihnen.

Sie spielen durchaus wieder gruppendienlich und brauchen keine vordergründige Theatralik. Sie sind sehr präsent, aber nicht aufdringlich, sie können alles, aber müssen das nicht mehr vor sich hertragen: Antonio Sanchez (45) und Mark Guiliana (37) sind zwei Spitzen des neuen Jazz Drumming, und ihre aktuellen CDs könnten unterschiedlicher kaum sein.

Anspielung

Antonio Sanchez hat sein Album im Alleingang eingespielt, nutzt auch Keyboards, Electronics und seine Stimme und nimmt mit dem Titel «Bad Hombre» direkten Bezug auf eine der vielen Trump-Entgleisungen, und zwar auf eine, die ihn als einen nach New York eingewanderten Mexikaner besonders traf.

Der Präsident hatte im Februar in einem Telefonat mit dem mexikanischen Präsidenten davon gesprochen, zur Grenzsicherung gegen die «üblen Leute» sein Militär zu schicken, das nicht so verängstigt sei wie das mexikanische.

Später wollte er die Bemerkung als einen seiner zu vielen schlechten Scherze verstanden wissen. Antonio Sanchez aber nimmt ihn beim Wort und sendet ihm mit dem Album dieses musikalische Bekennerschreiben hinterher, in dem es dunkel dräut, ­furios und basslastig zur Sache geht, wozu seine Trommeln mächtig sprechen.

Abendfüllend

Der 45-Jährige knüpft damit unmittelbar an seine im Jahr 2015 solistisch ertrommelte Grammy-Nominierung an. Mit turbulenter Rasanz hatte er die cineastische «Birdman»-Verfolgungsjagd eines abgehalfterten Blockbusterhelden kommentiert. Wie in einem abendfüllenden Bewusstseinsstrom war er an der Sache drangeblieben.

Wann hatte es das je gegeben: Ein einzelner Schlagzeuger gibt einem Film dieser Grössenordnung akustische Kontur? Mit «Bad Hombre» nun feiert Antonio Sanchez in grosser Dringlichkeit die Möglichkeiten seines Heimstudios in den New Yorker Jackson Heights, wo er sich Raum und Zeit nimmt für diverse Ideen und Aufnahmetechniken.

Im Intro schmettern die Mariachi-Trompeten, wozu er einige Stimmschnipsel seines 92-jährigen Grossvaters einmontiert hat, um Wurzeln und Haltung zu zeigen in diesem Amerika, aus dem er dann sein ausgewogenes Feuerwerk aus Grooves, Solos und Texturen losschickt.

Akustisch

Mark Guiliana hingegen ist mehr in Electronica als im puren Jazz aufgehobenen. Mit Brad Mehldau hatte er das als Duo «Mehliana» durchdekliniert, und auch als David Bowie in seinem finalen Opus «Blackstar» mit dem Jazz flirtete, war er dabei. Sehr bald wurde der 37-jährige Amerikaner als eine Art Überschlagzeuger gehandelt, weil seine musikalischen Achterbahnfahrten wie Befreiungsschläge aus dem Orthodoxen waren.

Also verblüfft es umso mehr, wenn er jetzt mit seinem rein akustisch agierenden Jazz Quartet mit Tenorsaxofon (Jason Rigby), Piano (Fabian Almazan) und Kontrabass (Chris Morrissey) den zweiten Streich vorlegt. Und zwar einen durchwegs überzeugenden. Es geht um den Spass an der Sache und eine Band als Ganzes, die mit traditioneller Palette malt.

Griffig, eng verzahnt und voller Überraschungen, setzt das enorme Spielpraxis voraus und gipfelt schliesslich in einer grossen Verneigung vor David Bowie mit dessen 2013er Song «Where Are We Now?», bei dem unter den hinzugezogenen Vokalisten auch Guilianas Frau Gretchen Parlato ins Schwelgen einstimmt.

Antonio Sanchez: «Bad Hombre», Cam Jazz. Mark Guiliana Jazz Quartet:«Jersey», Motéma Music.

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