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Sandee: Zurück im Glück

Sechs Jahre war sie weg, nun ist Sandee zurück im Scheinwerferlicht: «Zrügg zu mir» heisst ihr fünftes Album, das am 10. März erscheint. Wir trafen Sandra Moser an ihrem Lieblingsort zum Interview.

Interview: Jürg Spielmann

Sie haben den Pintel, einen stotzigen Hügel oberhalb des Dorfes Wimmis, als Ort für unser Gespräch ausgewählt. Weshalb?Sandra Moser: Weil ich sehr gerne hier bin. Lassen es die Temperaturen zu, komme ich mit Fabian hierher zum Bräteln. Manchmal gehen wir am Pintel auch schlitteln – aber nicht von ganz oben, das wäre zu gefährlich . . .

Demnächst erscheint Ihre fünfte CD «Zrügg zu mir». Der Album­titel und Titelsong beschreiben Ihre Rückkehr nach fünfzehn Jahren nach Wimmis. Haben Sie sich mit der Heimat versöhnt?Ja, das habe ich. Wer hätte das gedacht? (lacht) Ich hatte zuerst Mühe, weil ich das Gefühl hatte, jeder kennt mich, jeder «dräit dr Gring» und will wissen, was ich mache. Das hat mich im Vorfeld extrem gestresst. Als ich dann aber hier war, habe ich gemerkt, dass es einerseits gar nicht so schlimm ist und ich es andererseits geniesse, dass mich jeder kennt, all die vertrauten Gesichter. Die kleinen Dinge, die ich anfangs verteufelt habe, haben mir plötzlich gefallen.

Und somit war klar, es wird einen «Heimatsong» geben.Die Idee zum Titelsong ist auf einem Spaziergang durch Wimmis entstanden, als ich mit Fäbi durch die Hofitgasse geschlendert bin. «I loufe dür die aute Gasse, i ha gmeint, i wärdis hasse . . .»

Gelingt mit «Zrügg zu mir» nach sechs Jahren Pause auch der Weg zurück in die Charts?Das hoffe ich doch sehr! Ich habe mir ehrgeizige Ziele gesetzt: Ein Top-Ten-Platz muss es sein, sonst bin ich ehrlich gesagt enttäuscht, auch wenn das nun arrogant tönt.

Welchen Anklang findet die Single, die bereits seit Anfang Monat erhältlich ist?Einen sehr guten, die Leute haben Freude daran. Der Song wird bereits von fünf, sechs Radio­stationen gespielt.

Wie stark hat sich Sandee seit dem letzten Album «Diva» von 2009 musikalisch verändert?Für mein Gefühl um 180 Grad. Ich habe wieder viel mehr Verantwortung für meine Musik übernommen, als dies bei «Diva» der Fall war. Es ist nicht so, dass es mir damals egal gewesen wäre, aber ich habe einfach die Texte geschrieben und die Songs eingesungen. Zum Rest fand ich «Machet mau».

Und jetzt?Beim neuen Album habe ich alles selber geschrieben, alles selber vorproduziert. Ich war bei jedem Schritt dabei, habe dreingeredet, alle genervt und gesagt: «Nein, so will ich es haben.» Darum ist es für mich etwas komplett anderes. Ob das auch für den Hörer so ist, kann ich nicht beurteilen.

Die Lieder stammen fast ausnahmslos von A bis Z aus Ihrer Feder. Ist Sandee von der Sängerin zur Songwriterin gereift?(zögert) Ja, eigentlich schon, wobei ich grundsätzlich schon immer, seit meinem achten Lebensjahr, Songs geschrieben habe. Aber vielleicht ist es das Selbstvertrauen, zu sagen, hey, meine Songs sind gut genug, ich schreibe mein Album selber, ohne mir Hilfe von anderen zu holen, von denen ich glaube, die können es besser. Vielleicht ist es die Reife des Alters, wenn man findet, ich probiere das jetzt mal. Ich habe früher ein, zwei Songs pro Album geschrieben und hatte stets das Gefühl, sie sind nicht gut genug.

Sie tragen mehr Verantwortung. Wird dadurch auch der Druck grösser, dass es gut ankommt?Vielleicht nicht mal das. Es ist mehr der Druck, das Gefühl zu haben, an alles denken zu müssen. Da merke ich besonders, dass mein langjähriger Musikpartner Urs Frei nicht mehr mit dabei ist. Mir war früher nicht bewusst, wie viel er mir abgenommen und erledigt hat. Es fehlt das gleich gepolte Gegenüber, das du fragen kannst: «Was dänksch? So oder so?» Nun muss ich mich selber fragen: «Sändle, was meinsch, links oder rächts?» Es ist schwierig, alles selber zu entscheiden. Vielleicht ist es auch gut so und gehört dazu, sich zu emanzipieren.

Das Album spiegle Sandees Auf und Ab der letzten Jahre wider, schreibt Ihre Plattenfirma. Was ist konkret gemeint?Einerseits sicher die Trennung von Fabians Vater, was sicher keine einfache Zeit war. Ich habe in den letzten sechs Jahren viele Auf und Ab erlebt, gerade was Beziehungen anbelangt. Das hat sich logischerweise auf die Musik übertragen. Da ist aber nicht nur Herzschmerz; die Sachen haben sehr viel bei mir ausgelöst. Ich habe mich für meine Begriffe stark weiterentwickelt, bin ein komplett anderer Mensch geworden. Einerseits durch die Geburt von Fabian und andererseits durch die Dinge, die passiert sind. Das spiegelt sich auch in den Texten, in deren Thematik wider. Sie sind anders, für mich reifer, als sie es auf früheren Alben waren.

Es gab Wichtigeres zu sagen?Ja, womöglich. Wie soll ich es sagen . . . manchmal kommen mir meine älteren Sachen etwas belanglos vor. Ich habe das Gefühl, es geht nun tiefer – wohl auch Teil des Reifeprozesses.

«Wie soll ich es sagen manchmal kommen mir meine älteren Sachen etwas belanglos vor.»

Sandee

Sie sind alleinerziehend, Fabian ist fünfeinhalb. Welchen Stellenwert hat da die Musik?Er war äusserst gering. Das ist auch der Grund, weshalb ich so lange nichts Eigenes gemacht habe. Erst in den letzten zwei Jahren merkte ich, dass ich wieder richtig Bock darauf habe.

Das Musikbusiness ist im Umbruch, die CD-Verkäufe sind im Keller. Lässt sich für Sie mit der Musik noch etwas verdienen?Mit Auftritten schon. Heutzutage macht man eine CD ja eigentlich nur noch, damit man wieder Konzerte spielen und so Geld verdienen kann. Bei den Alben ist der Ertrag an einem sehr kleinen Ort.

Die Musik kann demnach kein Brotjob sein. Wovon leben Sie?Von Luft und Liebe! Ich unterrichte Gesang und arbeite einen Tag pro Woche als Kauffrau. Das Unterrichten ist ein wichtiger Teil meines Einkommens. Das möchte ich nicht missen, weil ich es sehr gerne tue. Ausserdem unterliegt es keinen Schwankungen. Klar kommen etwas mehr Schüler, wenn die Sandee berühmt ist. Doch sie kommen auch, wenn die Sandee weg ist vom Fenster – weil ich weiss, was ich tue.

Wie erleben Sie die Entwicklung – wenden sich die grossen Plattenfirmen, wie oft gehört, von der heimischen Szene ab?Die Tendenz war so. Mit nationalen Künstlern lässt sich in der Regel kaum Geld verdienen, da der Markt zu klein ist. Zuletzt haben aber Trauffer, Schlunegger oder Kunz bewiesen, dass auch Schweizer durchaus CDs verkaufen.

Die Mundartszene hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Der erwähnte Trauffer oder Lo & Leduc sind angesagt. Was und wer gefällt Ihnen – und was nicht?Den Trauffer kenne ich fast zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu können. Ich kenne «Müeh mit de Chüeh», das ist mir ein wenig zu klischeehaft. Aber hey, der Erfolg gibt ihm recht. Lo & Leduc finde ich manchmal cool – und manchmal gar nicht.

Neben Ihnen sind weitere «alte» Mundarthasen wie Züri West oder Stiller Has mit neuem Material am Start. Wen bevorzugt Konsumentin Sandra Moser – den Kuno oder den Endo?Schwierig . . . vom Musikalischen her den Endo Anaconda. Seine Texte finde ich grossartig. Sein Wortwitz und die Art, wie sich seine Geschichten am Ende zusammenfügen, ist beachtlich.

Kuno Laueners Züri West spielen im Sommer am neuen Seaside Festival in Spiez. Das wäre, in Ihrer Nachbargemeinde, doch auch etwas für Sie gewesen.Mein Management hat angefragt – es hiess, das Line-up sei bereits komplett. Meine Single kam erst im Februar raus. Und da ich nicht den Status von Züri West habe, sagen die meisten Veranstalter, sie wollten erst mal schauen, wie es bei mir so laufe. Darum spielen wir im Frühling und im Sommer nicht allzu viele Konzerte. Im Herbst hingegen läuft es gut. Ich kann das verstehen, die Katze im Sack würde ich nach so langer Zeit wohl auch nicht kaufen.

Am 24. März wird der jüngste Wurf, wie schon seine drei Vorgänger, in der Mühle Hunziken getauft. Wann geht es dann auf ganz grosse Tour?Ab Sommer/Herbst. Klar ist: Je mehr Promo ich nun habe, desto mehr Leuten kommt in den Sinn, dass ich wieder unterwegs bin. Die Clubtour möchten meine Band und ich von Herbst bis Frühling durchziehen. Es ist davon abhängig, wie gut es läuft. Ist es super, werden wir nächstes Jahr alle Open Airs spielen, wenn nicht: Shit happens. Ich sehe das recht entspannt. Es ist, wie es ist.

Frei nach Polo Hofer: Wie «giggerig» sind Sie auf die Bühne?Sehr. Ich bin wirklich sehr «giggerig», freue mich darauf, auch mit meiner neuen Band. Als ich zweifelte, ob ich überhaupt weitermachen soll, kam immer wieder der Moment, als ich auf einer Bühne stand und merkte, dass ich genau das tun muss und tun will.

Ihr langjähriger Mitmusiker und Ex-Gölä-Bandkollege Urs Frei sitzt nicht mehr am Schlagzeug, dafür können Sie neu auf die legendäre Schmetterband vertrauen: Thomas Wild an den Drums, Mauro Zompicchiatti am Bass und «Hape» Brüggemann an den Tasten. Was sagt da Polo dazu?Was Polo sagt, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich Freude habe. Es ist ein absoluter Luxus. Mit Gitarristin Antonia Giordano ist es eine eingeschworene Truppe, die «eifach verhet». Es ist unglaublich: Thomas Wild hat angerufen und mich für dieses Engagement angefragt. Hätte mir als Teenie jemand gesagt, dass mal die Schmetterband bei mir anklopfen wird . . .

Und, quasi als Krönung, greifen Sie neuerdings auch zur Gitarre.Ja, weil es sonst einfach zu gut wird (lacht). Ich habe in meiner ersten Band Timeless schon Gitarre gespielt, hatte dann aber irgendwann das Gefühl, ich sei viel zu schlecht. Das hat auch mit der Entwicklung der letzten Jahre zu tun, dass ich mir sagte: Das machst du jetzt. Fünfminütige Soli spiele ich aber erst nächstes Jahr.

Sie haben im Haus Ihrer verstorbenen Grossmutter, in dem Sie leben, ein Studio eingerichtet. Wie viele Sandee-Songs werden darin noch entstehen?Keine Ahnung. Für mich ist entscheidend, wie es nun läuft. Ich habe definitiv keinen Bock mehr zu kämpfen. Dafür habe ich genug anderes, was mir wichtig ist und mein Leben erfüllt. Wenn es jedoch funktioniert, dann mache ich es bis fünfundachtzig!

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