Wundertüte Kopatchinskaja

Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja hat in der Kirche Blumenstein ein grossartiges Album mit queren Duos aufgenommen. Ein Werk wider die Einsamkeit, an dem auch die Tochter ihren Anteil hat.

In Aktion: Patricia Kopatchinskaja mit ihrem Klarinettisten Reto Bieri in der Kirche Blumenstein.

In Aktion: Patricia Kopatchinskaja mit ihrem Klarinettisten Reto Bieri in der Kirche Blumenstein.

(Bild: Marco Borggreve/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Bach. Ausgerechnet Johann Sebastian Bach. Lange hat sie sich schwer damit getan, ihn öffentlich zu spielen. Bachs makellose Musik schien sich ihr zu verschliessen, ihrem ungezähmten, manchmal verqueren Spiel im Geist der Improvisation.

Und nun das: Ganz am Ende ihres neuen Albums, als die Zeitmaschine stillsteht und der Hörer mit ihr, ermattet und beglückt von diesem Trip durch 1000 Jahre Duo-Literatur, ganz am Ende also hört man, wie Patricia Kopatchinskaja die ersten Töne von Bachs berühmter «Chaconne» aus der zweiten Violinpartita anstimmt.

Es ist das Solowerk schlechthin, eigentlich: ein Thema in 32 Variationen, kreisend wie ein Wunderkarussell, das die gleichen Figuren immer wieder anders färbt und formt, ein Themenreigen, gespielt von einer Geige, die sich zweistimmig gibt, als wäre sie nicht alleine. Bei Kopatchinskaja indes wird das Werk tatsächlich zum Duett.

Ein Cembalo mischt sich ein, kommentiert die Solostimme, so frei, als würde ein gewitzter Improvisator ein Mozart-Rezitativ begleiten. Bald tänzeln die Motive, bald schreien sie auf, bald zerbrechen sie, hauchen am Ende die letzte Luft aus. Bachs «Chaconne» erzähle von Tod und Auferstehung, heisst es gemeinhin. Hier aber erzählt sie auch von Einsamkeit, und von der Auflehnung dagegen.

Duett-Medizin

Was da alles mitklingt. Patricia Kopatchinskaja (38) ist längst Teil eines globalen Klassikbetriebs geworden, der die besten adelt und zugleich zu Spielmaschinen degradiert. «Mein erster Gedanke am Morgen ist: Was muss ich heute spielen?

Der zweite: Wo bin ich eigentlich?», erzählte sie 2012 zu Hause in ihrer Wahlheimat Bern. Und: «Man kann sich gar nicht vorstellen, was so ein Solistenleben bedeutet, wenn man es nicht erlebt.»

Einsamkeit also. Und die beste Medizin dagegen: Musizieren zu zweit. Viele Soloauftritte beendet Patricia Kopatchinskaja inzwischen mit Duo-Zugaben. Die Musiker dafür sucht sie sich vor Ort, knüpft Kontakte, fürs Leben manchmal.

Mit Violinduos von Béla Bartók hat es begonnen. Kopatchinskajas Geige aber ist für alles zu haben, sie charmiert und duettiert auch gerne mit Klarinette oder Fagott, mit Cembalo oder Perkussion, ja gar mit elektronischen Wunderkästen.

Tochter als Texterin

«Take two» nennt Kopatchinskja ihr neues Album, eingespielt in der Kirche Blumenstein mit sechs Musikern. Auch der Berner Klarinettist Reto Bieri ist dabei. Eine Wundertüte voll kunstvollem Eigensinn ist es geworden.

Ihr verrücktestes Album bisher. Aber auch ihr persönlichstes. Gewidmet hat sie es ihrer Tochter Alice (10), die zugleich zur Protagonistin geworden ist – als Zeichnerin, als Texterin (für eine Komposition von Heinz Holliger) und als Lebensexpertin im Booklet-Interview.

Zum Auftakt gibts ein Kauderwelsch-Stück zum Ohrenputzen, «die sind ja ganz verstopft mit alter Klassik», meint die Geigerin. Dann startet die ominöse Zeitmaschine, Overclockers mit Namen. Sie führt zur ältesten Duo-Literatur der Musikgeschichte, einem Kirchengesangbuch aus dem 11. Jahrhundert.

Weiter geht es über Guillaume de Machaut, Orlando Gibbons und Heinrich Ignaz Franz von Biber bis ins 20.Jahrhundert (John Cage, Darius Milhaud) und schliesslich in die pralle Gegenwart. Heinz Holliger – eben mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet – ist gleich mit drei Stücken vertreten, der Berner Komponist Leo Dick mit der Ouvertüre zu einer Kinderoper.

Kopatchinskajas Kommentar im Booklet: «Zeitgenössische Musik ist für Kinder sehr geeignet, sogar unser Hund Emmi hört ihr aufmerksam zu. Bei älterer Musik schläft er gleich ein!»

Die Magie des Moments

Was für ein Weg. Lange hat sich Patricia Kopatchinskaja geweigert, Alben einzuspielen. Nur im Konzertsaal lebe die Musik, sagte sie, als Erlebnis im Moment. 2008 spielte sie dennoch ihr erstes Album ein. Mehrere kamen seither dazu, zuletzt vor allem Werke abseits des Mainstreams, die sich kaum verkaufen liessen.

Nun, ganz am Ende von «Take two», wird sie wahr: jene Magie des Moments, die sonst nur im Konzertsaal möglich ist. Als sich Patricia Kopatchinskaja bei der Aufnahmesession mit Bachs «Chaconne» einspielte, wusste sie nicht, dass der Tonmeister das Mikrofon bereits eingeschaltet hatte.

Und dem Cembalisten Anthony Romaniuk, der plötzlich mitspielte, ging es nicht anders. Die Bach-Improvisation ist ein Werk des Zufalls, nie gedacht für ein Publikum ausserhalb der Kirche Blumenstein. Ihre eindringliche Wirkung erwächst nicht zuletzt aus dieser Intimität.

Album: Kopatchinskaja: «Take two», Alpha Classics.

Berner Zeitung

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