«Wir waschen kein braunes Stück weiss»

Bern

Othmar Schoecks Oper «Das Schloss Dürande» wurde von den Nationalsozialisten in Auftrag gegeben. Ist sie als Widerstand zu verstehen? Mario Venzago über seine Herangehensweise an ein umstrittenes Werk.

Gibt dem Werk eine Chance: Mario Venzago, BSO-Chefdirigent.

Gibt dem Werk eine Chance: Mario Venzago, BSO-Chefdirigent.

(Bild: Beat Mathys)

Konzert Theater Bern gräbt mit der Unterstützung der Hochschule der Künste Bern ein umstrittenes Werk aus. Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck liess seine Oper «Das Schloss Dürande» im Auftrag der Nationalsozialisten 1943 in Berlin uraufführen.

Mario Venzago, Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters (BSO), hatte das Werk nie in sein Repertoire aufgenommen, da kam eine Anfrage, ob man dem Vierakter nicht eine neue Chance geben wolle. Venzago liess sich umstimmen, unter einer Bedingung: Das Libretto von Hermann Burte wurde vom Berner Autor Francesco Micieli mit Textpassagen aus Joseph von Eichendorffs Novelle «Das Schloss Dürande» ersetzt. Nun finden mit dem BSO und einer erstklassigen Besetzung zwei konzertante Aufführungen statt.

Othmar Schoecks umstrittenes Opus «Das Schloss Dürande» wurde 1943 in Nazideutschland gespielt und war ein Auftragswerk.Mario Venzago: Das Stück ist stigmatisiert, man kann es heute nicht mehr aufführen ohne entsprechenden Kommentar, und der muss streng wissenschaftlich sein.

Sie haben die kniffligen Textstellen von Hermann Burte vom Berner Schriftsteller Francesco Micieli abändern lassen. Wir haben zunächst mit Tipp-Ex allen Text übermalt, um zu sehen, ob die Musik nationalsozialistisches Gedankengut transportiert. Wir wollten wissen, ob es sich um eine braune Sauce handelt und eine Richtung erkennbar wird, in der es sittenwidrig wird. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass dies nicht der Fall ist.

Schoeck liess sich also in keiner Weise instrumentalisieren von den Nazis? Offenbar nicht. Man muss sich natürlich die Frage stellen, warum ein Schweizer Künstler in diesen dunklen Zeiten freiwillig nach Deutschland ging. Man weiss auch, dass Othmar Schoeck immer Erfolg haben wollte in Deutschland und gerne der Nachfolger von Richard Strauss gewesen wäre.

Der frühromantische Lyriker Joseph von Eichendorff gehörte zu Schoecks Lieblingen. In seinem «Schloss Dürande» geht es auch um die Französische Revolution. Interessant ist, dass in den meisten Kunstwerken die Revolution positiv bewertet ist. Othmar Schoeck interpretiert das aber in Schloss Dürande anders, für ihn sind die Revolutionäre eine Horde, die am Ende alles anzündet und den Weltenbrand entfacht.

Diesen Figuren setzt er im Stück ein Ancien Régime gegenüber, das Werte vertritt. Man kann Schoecks Lesart so gesehen als künstlerischen Widerstand verstehen.

Kritiker bleiben skeptisch, ­obwohl Sie diese Opernaus­grabung im Rahmen eines ­Forschungsprojekts mit der Hochschule der Künste Bern aufgearbeitet haben. Schoecks Widerstand wurde nicht verstanden, er ist zu dünn und zu versteckt. Den Vorwurf, wir würden ein braunes Stück weisswaschen, lasse ich nicht gelten. Das wäre ein krimineller Akt, der im Verborgenen geschieht. Wir sind transparent, jeder Takt und jedes Wort ist akribisch dokumentiert. Wer kritisiert, sollte also genauso fleissig sein und sich mit unserer Arbeit beschäftigen.

Was fasziniert Sie an Schoecks Partitur? Seine Musik hat einen Sog und somit Suchtcharakter. Die Oper ist speziell, weil man den Krieg deutlich heraushört. Die Komposition ist spröder und moderner, aber auch genialer als seine früheren Werke.

Schoeck kann man ohnehin nicht als Modernisten be­zeichnen. Ich habe seinen Stil nie als ein konservatives Zurückgehen empfunden. Sein Retro ist vielmehr vom Wunsch beseelt, dass die schreckliche Zeit des Krieges vorbeigeht und Harmonie zurückkehren möge.

Schoecks Verhältnis zur Tonalität erinnert mich an ein Paar, das nach vielen Jahren Gemeinsamkeit vor der Trennung steht, und der eine von beiden verknüpft das Zusammenbleiben mit einer Erinnerung an etwas, das niemals stattgefunden hat. Illusion oder Utopie?

Trotz aller Bekundungen: Bringt man den Verdacht auf Nazi­glorifizierung aus den Köpfen? Man muss die Musik hören, um das zu beurteilen. Schoecks Komposition hat eine Strenge und Konsequenz, die sehr berührt. Wir machen mit den konzertanten Aufführungen in Bern einen ersten Schritt, später soll das Werk szenisch in Meiningen auf die Bühne kommen. Am Ende entscheidet das Publikum, ob auf dem Werk ein Fluch liegt oder nicht.

Hitlers Vertrauter, Joseph ­Goebbels, titulierte das Werk als «Bockmist». Ich habe nie herausgefunden, ob er gemerkt hat, dass das Stück seine Ideologie nicht bedienen wollte, oder ob ihm der depressive Charakter der Musik auf die Nerven ging.

Man darf davon ausgehen, dass sich die damaligen Machthaber eine deutsch-romantische Oper mit Jubelchören erhofften und Othmar Schoeck diesen Auftrag nicht erfüllte.

Was wünschen Sie sich persönlich für «Das Schloss Dürande»? Es handelt sich um Musik, die stigmatisiert wurde, und ich möchte, dass man dem Werk eine Chance gibt. Ich wünsche mir persönlich einen Achtungserfolg oder mehr, auch im Hinblick auf die intensive Arbeit am Stück.

Konzerte: Do, 31. Mai, und Samstag, 2. Juni, jeweils 19.30 Uhr, Stadttheater Bern. Der Auftritt wird von SRF 2 Kultur aufgezeichnet. Ausstrahlungsdatum noch unbekannt.

Berner Zeitung

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