«Wir Alten sind gar nicht so brav»

Bern

Das musikalische Generationenprojekt Silberwellen bringt Klassikstudierende und Senioren zusammen. Bei der Premiere im Berner Generationenhaus zeigten sich die Senioren ganz und gar nicht schüchtern.

Die Emotionen gehen hoch: Seniorinnen musizieren im Projekt «Silberwellen im Röseligarten» zusammen mit Klassikstudentinnen.
Marina Bolzli@Zimlisberg

«Zum 80. Geburtstag habe ich mir einen Männerchor geschenkt», sagt Eva Eggli ins Mikrofon. Dann lacht sie spitzbübisch. «Nein, nicht eine CD, richtige Männer. Sie kamen zu mir nach Hause und sangen.» Zum Beispiel das «Heidenröslein», das dürfe nie fehlen.

Eva Eggli beginnt das Lied von Franz Schubert leise zu singen. Sie sitzt auf der Bühne der Kapelle des Berner Generationenhauses, umgeben von sechs weiteren Seniorinnen und Senioren und vier jungen Musikstudentinnen. Heute ist der Tag, auf den die Gruppe lange hingearbeitet hat: Die Premiere des Generationenprojekts «Silberwellen im Röseligarten», einer fiktiven Radiosendung, die sich den musikalischen Erinnerungen der alten Menschen widmet.

Das Projekt unter der Leitung von Musikvermittlerin Barbara Balba Weber wurde letztes Jahr von Pro Senectute Bern mit dem Silberbär ausgezeichnet. Es ging der Pro Senectute darum, den «reichen Schatz an Erinnerungen, die alte Leute mit sich ­herumtragen», zu erhalten.

Doch das ist nicht alles. Weber und ihr Team haben sich die schwierige Aufgabe gestellt, dass ihr Konzept ohne grosse Änderungen auch von anderen Gruppen in der Schweiz angewendet werden kann. «Bisher interessieren sich vor allem Leute dafür, die professionell mit alten Menschen arbeiten», sagt Barbara Balba Weber.

Junge interviewen Alte

Die daraus entstehende Aufführung dürfte immer etwas anders aussehen: Denn zu Beginn des jeweiligen Projekts interviewen die jungen Profimusiker je sechs Senioren zu ihren musikalischen Erinnerungen. Sie stellen Fragen wie: Zu welcher Musik haben Sie getanzt? Oder: Bei welcher Musik werden Sie melancholisch? Aus den Antworten erarbeiten die Musikerinnen und einige der Senioren zusammen eine Show, die quer durch «Zeiten, Musikgenres, Gefühle und Gesellschaftsschichten» führen soll.

Buurebüebli für alle

«Bei uns im Dorf gab es keine klassische Musik, da hat man gejodelt», sagt Senior Paul Weber nun auf der Bühne, und setzt gleich zu einem Jutz an. Später sei er im Seminar Hofwil in Münchenbuchsee zur Schule gegangen, «da hatte man eine wunderbare Aussicht auf den Moossee, die Autobahn gab es noch nicht», erzählt der Thuner.

Eines der bekanntesten Schweizer Volkslieder sei dort entstanden. Er stimmt «Lueget, vo Berg und Tal» an. Zu Beginn entfällt ihm eine Liedzeile, doch das macht nichts. Die anderen Bühnenmitglieder unterstützen ihn mit gesungenem Echohall.

Daraufhin erzählt Elisabeth Rupp, wie sie früher den Staubsauger als «Cantus firmus» gebraucht habe, also als eine festgelegte Melodie, zu der sie selbst erfundene Opern sang. Zum Beispiel «Es Buurebüebli ma-ni-nid». Als das Lied nun ertönt, singen nicht nur die Darsteller auf der Bühne, sondern auch die Zuschauer.

Viel Volkstümliches wird an diesem Abend geboten, Lieder, die heute noch gesungen werden, und andere, die fast vergessen sind. Mal klatschen, mal summen, mal pfeifen die Senioren, einige hält es nicht mehr auf den Stühlen, die gebürtige Spanierin Regina Sanz-Cea steht immer wieder auf und singt lauthals mit.

Und die jungen Musikstudentinnen? Sie begleiten die Alten auf Flöte, Klarinette und Bratsche. Sie singen, moderieren und brechen auch einmal aus. Zum Beispiel bei der Jazzimprovisation.

Brave Junge, wilde Alte

«Die Jungen planten das Konzert zuerst viel zu brav», sagt die 89-jährige Elisabeth Rupp nach dem Auftritt. «Dabei sind wir gar nicht so brav, wie alle meinen», ergänzt die 85-jährige Eva Eggli. Auch Kulturvermittlerin Barbara Balba Weber findet, dass sich die Zusammenarbeit mehr als gelohnt habe: «Die alten Menschen sind aufgeblüht, die jungen wirkten befreit.» Gerade in der klassischen Musik würden Profis häufig unter sich bleiben und über Amateure die Nase rümpfen.

Die Flötistin Salome Böni will auch in Zukunft mit alten Menschen arbeiten. Die 26-Jährige sagt: «Ich habe bei den Interviews sehr viel gelernt, die alten Menschen haben so viel zu erzählen, wenn man ihnen zuhört.» Zwischen Alt und Jung hätten sich fast familiäre Gefühle entwickelt.

Das ist auch auf der Bühne spürbar. Oder wie es eine Gesangsstudentin im Publikum formuliert: «Ich fand dieses Konzert viel berührender als manch ein Klassikkonzert, wo zwar alles perfekt klingt, aber die Emotionen fehlen.»

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