Wie vom Laufsteg gepflückt

Das jüngste Konzert des Berner Symphonieorchesters bot einen Bilderbuch-Harfenisten – und eine markante Fortsetzung von Venzagos Berner Bruckner-Zyklus.

Harfenist Xavier de Maistre.

Harfenist Xavier de Maistre.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Was für ein Mann! Gross, muskulös, wie vom Laufsteg gepflückt und dem Klassikbetrieb unterjubelt. Xavier de Maistre ist Harfenist – ausgerechnet. Als ob ein altes Harfen-Klischee nur durch ein neues auszutreiben wäre: Das der zart zupfenden Damen im Engelskleid durch einen Mann aus dem Modekatalog, der auch kräftig zulangen kann.

«Eine Harfe muss klingen wie ein Orchester. Die wenigsten wissen, dass man auf einer Harfe grosse, kräftige Töne erzeugen kann, neben den sehr feinen und transparenten», hat der Franzose einmal gesagt. Und er beweist es immer wieder. Auch an diesem Abend im Kultur-Casino, begleitet vom Berner Symphonieorchester unter Chefdirigent Mario Venzago. Als Xavier de Maistre letztmals in Bern auftrat – 2009 mit der Camerata –, da war er noch Soloharfenist bei den Wiener Philharmonikern. Mittlerweile konzentriert er sich ganz auf seine Solokarriere. 2009 spielte er Haydn, einen der wenigen Komponisten, die ein halbwegs brauchbares Solowerk für die Harfe zustandebrachten. Jetzt ist mit François Adrien Boieldieu ein Komponist der Spätklassik an der Reihe, der ebenfalls ein Harfenkonzert hinterlassen hat – Fragmente davon um genau zu sein. Eine Verlegenheitslösung? In gewisser Weise schon: Die Berner Programmverantwortlichen hatten stolz ein neues Werk des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki (82) eingeplant – das aber ist bis heute nicht vollendet.

De Maistre und Venzago indes beweisen im Kultur-Casino, dass Boieldieus Werk mehr zu bieten hat als gemütliche Feierabendklassik – wenn man es ernst nimmt. Die Soloharfe und das straff geführte Orchester greifen ausgezeichnet ineinander. Und de Maistre bietet ein fein abgestuftes Spiel, reich an Echowirkungen, geschmeidigem Harfen-Gesang, aber auch an überraschenden Härten. Die Zugabe ist ein herrlich zusammenfantasierter Variationen-Satz auf die Melodie von „Mein Hut, der hat drei Ecken“, die der 42-jährige Franzose immer wieder fast beiläufig hervorzaubert. Gekommen aber sind an diesem Abend wohl die wenigsten wegen einer Kindermelodie. Oder wegen Boieldieu. Vielleicht nicht mal wegen de Maistre. Denn auch Mario Venzago zaubert wieder. Keinen eckigen Hut. Vielmehr einen Bruckner mit Ecken und Kanten. Vor fünf Jahren hat der Berner Chefdirigent seine Gesamteinspielung von Anton Bruckners Sinfonien begonnen.

Die erste Aufnahme widmete er Bruckners Vierter, mit dem Basler Sinfonieorchester. Es war eine überraschende Einspielung, die neue Perspektiven auf Bruckner eröffnete. Jahre danach nun dirigiert er die «Romantische» wieder, mit dem Berner Symphonieorchester, im Kultur-Casino. Wieder mit einem anderen Blick. Noch weiter gedacht, noch farbiger gespielt. Verglichen mit der Basler Aufnahme klingen die Blechbläser markanter, manchmal fast allzu zu offensiv.

Das geheime Zentrum aber sind die Holzbläser, kommunikativ und quirlig wie selten. Eine berauschende Aufführung vor allem in den Ecksätzen, ein bald dunkles, bald gleissendes Fest des Lebens, an dem auch mal volkstümlich schief oder in Zeitlupe getanzt wird – so wie im Trio des dritten Satzes. Im April erscheint Venzagos Gesamteinspielung der Bruckner-Sinfonien in einer Box. Es ist der Abschluss eines eigensinnigen Projekts, das man vielleicht einmal epochal nennen wird.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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