Wie uncool!

Sexismus-Vorwürfe gegen «079» – und wie reagieren Lo&Leduc? Mit einem politisch-korrekten PR-Statement.

«Wir finden es gut und wichtig, dass Themen wie Sexismus diskutiert werden»: Lo&Leduc.

«Wir finden es gut und wichtig, dass Themen wie Sexismus diskutiert werden»: Lo&Leduc. Bild: Doris Fanconi

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Besser könnte es für Lo&Leduc derzeit nicht laufen. Erst nistete sich ihr Song «079» wochenlang auf Platz 1 der Schweizer Hitparade ein. Und jetzt, wo es langsam die Charts runtergeht, zerbricht sich die halbe Schweiz den Kopf darüber, ob der Song sexistisch ist, wie Juso-Präsidentin Tamara Funiciello kritisiert. Ihr Argument: Der Typ im Song lässt nicht locker, will um jeden Preis die Handynummer seiner Angebeteten, obwohl diese klar Nein sagt. Ein typischer Fall von Stalking, findet Funiciello.

Und damit hat sie nicht unrecht. Verliebte verhalten sich oft wie Stalker. Solange beide voneinander nicht genug bekommen können, mag das sicher total romantisch sein. Sobald aber einer täglich bei der Auskunft anruft, wo die Auserwählte im Song arbeitet, und sie penetrant nach ihrer Nummer fragt, ist das nervtötender Liebesterror. Und etwa so antörnend, wie wenn man «079» zehnmal täglich im Radio hören muss.

Eigentlich will sie es ja auch

Ob diese Belästigung im Namen der Liebe aber sexistisch ist? Nein, sie ist höchstens zum Scheitern verurteilt. Will man im Nachhall der #MeToo-Debatte über Sexismus reflektieren, gibt es im deutschen und im US-Rap weitaus geeignetere Beispiele. Doch offenbar sind Zeiten, in denen man Songs wie «079», «Sexbomb» oder «Männer sind Schweine» harmlos amüsant finden durfte, vorbei. Schade eigentlich.

Ein Stalker-Song? «079»

Schade auch, zelebrieren Lo&Leduc ausgerechnet in einem Megahit uralte Klischees: Die Frau, die sich zwar ziert, aber eigentlich will sie es ja auch. Der Mann, der erobert, bis das Weibchen seinem Gebalze erliegt. Der «079»-Pseudostalker ist also wieder nur Träumer von vorgestern. Dabei könnte er es viel einfacher, ja viel männlicher, haben: Er müsste bloss bei der Auskunft vorbeigehen, denn «viu schaffe nümme da, nume no si u no zwöi angr», wie es im Lied heisst, und der Frau selbstbewusst ins Gesicht sagen, dass er sich unsterblich verliebt hat. Aber dafür fehlen ihm anscheinend die Eier.

PR vs «street credibility»

Dasselbe Problem haben offenbar auch Lo&Leduc, betrachtet man ihre Reaktion auf diesen Sturm im Wasserglas etwas genauer. Dem Onlineportal «Nau.ch» teilten sie mit: «Wir finden es gut und wichtig, dass Themen wie Sexismus diskutiert werden.» Aha. Gähn. Und sonst? «Der Refrain lautet ‹079› het sie gseit. ‹Du weisch immer no nüt›, het sie gseit.» Sie lasse ihn also nicht abblitzen, sondern gebe auf Augenhöhe die Spielregeln vor. Hä? Sorry Jungs, aber eure «Augenhöhe» klingt brutal nach einer politisch-korrekten Notantwort.

Es scheint fast so, als würden sich Lo&Leduc vor Klartext drücken. Verständlich, denn Sexismus-Debatten sind nichts für Weicheier. Ein falsches Wort, und schon ist man abgestempelt. Oder noch schlimmer: Man wird Opfer eines Shitstorms. Das Everybody’s-Darling-Image wäre damit wohl im Eimer. Wohlweislich überlassen Lo&Leduc die Sexismus-Debatte lieber ihren Fans und ziehen sich mit glatten PR-Botschaften aus der Schusslinie. «Unserer Meinung nach wäre es sehr schade, wenn man nun bei der Frage stehen bleibt, ob ‹079› sexistisch ist oder nicht», schreibt das Duo vorsichtig weiter. Doch gerade in stürmischen Zeiten wäre Haltung angesagt. «Street credibility» klingt dann eher so: Hey, ihr da draussen, wenn ihr meint, «079» sei sexistisch, habt ihr nichts kapiert!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2018, 16:35 Uhr

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