Wie nachts am Meer

Soundcheck

In seinen Händen wird das Akkordeon zum schnaufenden, seufzenden Geschöpf. In Zollikofen nahm Mario Batkovic die Zuhörer mit auf eine Reise durch die Nacht.

Er zieht und stösst mit aller Kraft und doch so leicht: Akkordeonist Mario Batkovic. Fotos: mbu

Er zieht und stösst mit aller Kraft und doch so leicht: Akkordeonist Mario Batkovic. Fotos: mbu

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Hier auf der Rütti hat Zollikofen etwas von einem Landsitz für müde Städter. Der Weg führt über eine mit Obstbäumen bestückte Allee. Links und rechts weite Felder. Vorher haben die Leute noch in der Alten Mühle zu Abend gegessen, jetzt kurz vor acht Uhr defilieren sie hinüber in die Aula. Die Garderoben reichen von Büezer -Hosen bis zum seidenen Einstecktuch.

Drinnen sind die 385 Stühle verzahnt, wie es sich für ein Bildungszentrum gehört. Einmal im Jahr organisiert der Verein Kultour Inforama hier kulturelle Veranstaltungen. Stiller Has waren schon da, Schnulze und Schnultze, Peach Weber. Und jetzt also Mario Batkovic. Er ist wohl der bekannteste Sohnder Gemeinde: Akkordeonist, 39 Jahre alt, in Bosnien-Herzegowina aufgewachsen.

Batkovic komponiert Filmmusik und mit seinem Beitrag zum Soundtrack des Konsolengames «Red Dead R,edemption 2» ist er weltberühmt geworden. Als Mitglied der Soundtrack Association Hollywood darf er sich gar offiziell Hollywoodkomponist nennen. Zuvor war er fünf Jahre lang Teil der Berner Folkrockand Kummerbuben und gründete die zwölfköpfige Rock-Big-Band Destilacija.

Heute arbeitet Batkovic mit Electromusiker James Holden und Radiohead-Schlagzeuger Clive Deamer zusammen. Er spielte am Gurtenfestival, am Paleo, in Paris, Sarajewo, New York oder in der Elbphilharmonie Hamburg. Und jetzt also in der Aula des Inforamas Rütti in Zollikofen. Zu Hause. Dort, wo er seit Jahren wohnt – bei seinen Leuten. «Super», sagt Mario Batkovic, bevor er das Publikum auf eine Reise mitnimmt. «ich kenne alle, die hier sitzen, aus der Migros.»

Seine Finger bearbeiten furios die Tasten, der Balg fächert sich auf, zieht sich wieder zusammen.

Die Lichter gehen aus, Rauchschwaden ziehen über die Bühne, die Aula, Zollikofen und Bern verschwinden, lösen sich auf mit dem ersten Ton aus diesem eigenartigen Instrument, dem Akkordeon. Dunkelheit und Nebel. Nur ab und zu blitzen die metallenen Ecken des Balgs im Scheinwerferlicht auf. Was Mario Batkovic kreiert, sind keine eigentlichen Lieder, vielmehr ausufernde Klangwelten.

Er schafft meditative Zustände weit weg von Mustern. Natürlich ist Jazz herauszuhören, sind Tangorhythmen und Klassikharmonien dabei, und doch ist nichts definiert. In den Händen des Autodidakten wird das dunkle Instrument zu etwas Lebendigem, einem atmenden Geschöpf. Er zieht und stösst mit aller Kraft und doch so leicht. Seine Finger bearbeiten furios die Tasten, der Balg fächert sich auf, zieht sich wieder zusammen. Das Akkordeon ächzt unter der Anstrengung, seufzt, keucht.

Dann ist es plötzlich still, und nur noch das Knarren des Leders ist zu hören. Darauf die Tasten, wie kleine Trommeln. Und wieder tiefe, düstere, Klänge, jähe Rhythmuswechsel, wellenförmige Töne, und plötzlich hat man das Gefühl, als würde auch die Bühne branden. Ja, als sässe man nachts am Meer. 75 Minuten dauert die Reise. Irgendwann erklingt der letzte Ton, dann Applaus, noch eine zarte Zugabe, «Insomnium» heisst sie, Traum – und plötzlich grelles Licht: Aula, Inforama, Zollikofen. Sicher gelandet. Bis zum nächsten Mal.

Berner Zeitung

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