Wie Mandela zum Popstar wurde

Hintergrund

Politik und Popkultur befruchten sich gegenseitig. Nelson Mandela wusste das genau und machte sich die Berühmtheiten zunutze.

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Philippe Zweifel@delabass

Popmusik wurde und wird immer wieder genutzt, um sich politisch zu identifizieren, Stellung zu beziehen, Wut oder Hoffnungen auszudrücken. Ob es sich nun um die Sehnsucht nach Freiheit oder Frieden handelt. Angefangen hat dies mit der Folk-Musik, ihrem Wandel zu chartfähigen Popsongs hin zu dem Trend der Benefiz-Songs.

Bob Marley, Bob Dylan, John Lennon oder Bruce Springsteen: Berühmte Protestsänger und –Songs gibt es viele. Doch der Mandela-Song ist eine spezielle Ausprägung des Genres. Dabei entstand er eher zufällig mit dem Song «Nelson Mandela (Free Nelson Mandela)» von der Band Special AKA. Special AKA ist das Pseudonym der englischen Band The Specials, erschienen ist das Lied im Jahr 1984 als Protest gegen Mandelas Inhaftierung. Band-Chef Jerry Dammers hatte 1983 in London eine Anti-Apartheid-Veranstaltung besucht, was ihn auf die Idee zum Song brachte.

Keine Betroffenheitsmusik

Dammers, damals ein nur schwach politisierter Mensch, der vor der Veranstaltung noch nie von Mandela gehört hatte, wurde vom Erfolg des Songs überrumpelt – die Single war ein weltweiter Hit. Und immer noch ragt das Lied unter den Protestsongs heraus. Nicht, weil es berührender als die anderen wäre – sondern weil es anders ist. «Nelson Mandela» ist keine Betroffenheitsmusik, die nachdenklich oder wütend stimmen soll. Stattdessen komponierte Dammers (unter der Regie von Elvis Costello) einen lüpfigen Song aus einer Mischung aus Afrobeat und Ska.

Die Wirkung war immens. Bob Geldof inspirierte es dazu, Band Aid zu gründen: Ein Bandprojekt internationaler Popstars, das Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien sammelte. Ihr Lied «Do They Know It’s Christmas?» gehört inzwischen zu den Weihnachtsliedklassikern. Band Aid war der Startschuss für viele weitere Afrika- und Mandela-Kundgebungen, wie etwa das Konzert Live Aid. Dann rief Steven Van Zandt Artists United Against Apartheid ins Leben, um «Sun City» aufzunehmen. Youssou N'Dour produzierte das Album «Nelson Mandela». In Hollywood widmete Stevie Wonder seinen Oscar für den Filmhit «I Just Called to Say I Love You» dem südafrikanischen Märtyrer. Und auch Bono von U2 entdeckte in der Folge seine Liebe zu Afrika.

«Wellen der Liebe»

Inzwischen stellt sich die Popmusik fast routinemässig in den Dienst der Politik und wird von ihr genutzt – Politik will zunehmend populär sein, muss sich verkaufen können. Mandela hat das nach seiner Entlassung sofort erkannt und immer wieder die öffentliche Nähe zu Prominenten gesucht. Es war eine Win-Win-Situation. Mandela gewann Aufmerksamkeit, die Stars Grösse.

2008, als Nelson Mandela 90 Jahre alt wurde, fand im Londoner Hyde Park das letzte grosse Konzert für ihn statt. Mandela war da, um für den Kampf gegen Aids zu werben, und wie immer bei solchen Anlässen schien er ob des Rummels ein bisschen peinlich berührt – zumal an jenem Abend aus hunderttausend Kehlen der «Happy-Birthday-Song» erklang. Der englische Schauspieler Stephen Fry sprach nachher von «Wellen der Liebe», die bis auf die Bühne zu spüren gewesen seien. Auf dem Programm standen damals Musiker wie Will Smith, Simple Minds, Annie Lennox und Amy Winehouse – der grösste Popstar unter ihnen aber war längst Mandela selbst.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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