«Wenn ich höflich sein will, versteht mich niemand»

Der im Emmental lebende deutsche Liedermacher Götz Widmann beschreitet mit dem Song «Bärndütsch» einen neuen Weg der Integration. Das Interview auf Berndeutsch führen, wollte der 48-Jährige dann aber doch nicht…

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Gratulation Herr Widmann! Sie sind der erste Deutsche, der es sich wagt, einen Song auf Berndeutsch zu veröffentlichen. Wie kamen Sie auf diese waghalsige Idee? Götz Widmann: Ich lebe mittlerweile seit fünf Jahren in der Schweiz und habe schon kurz nach meiner Ankunft grossspurig versprochen, das zu machen. Dann bin ich den Song lange schuldig geblieben und hatte ein schlechtes Gewissen. Das Grundgerüst des Liedes ist schlussendlich während eines Mundart-Songwriting-Seminars für Anfänger entstanden. Beim textlichen Feinschliff hat mir meine Frau Fabia geholfen.

Mit welchen Reaktionen auf den Song haben Sie gerechnet? Bevor ich den Song aufgenommen habe, hatte ich ihn schon mehrmals live gespielt. Ich wusste also, dass sich die Leute darüber freuen und sogar mitsingen. Was jetzt passiert, übertrifft meine Erwartungen aber bei weitem. Das von meiner Frau gedrehte Heimvideo ist in den sozialen Medien der Renner und mein Song war im Radio zu hören. Wir geniessen das jetzt.

Sie sind in Heidelberg aufgewachsen. Wie hat es Sie ins Emmental verschlagen? Die Liebe hat mich nach Biglen gebracht, meine Frau stammt von hier. Wir haben uns vor fünf Jahren vor meinem ersten Konzert im Ostermundiger Elch-Klub kennengelernt – es war Liebe auf den ersten Blick.

Wenn man den Song hört, scheinen Sie auch an der Schweiz gefallen gefunden zu haben… Ich liebe das Schweizer Essen, die Landschaft und die Läden – obwohl für einen Deutschen hier alles relativ teuer ist. Auch das Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert in dem wir leben ist ein Traum. Zudem sind in der Schweiz viele Dinge noch so natürlich und auch die Städte sind alle noch intakt – das sind wir uns in Deutschland nicht gewohnt. Der Thunersee, die Stadt Bern… ich finde hier vieles atemberaubend schön und könnte noch eine Weile weiter schwärmen. Dabei hätte ich vor 10 Jahren noch gesagt, ich würde dereinst nach Spanien auswandern...

Die Integration ist ein zentrales Thema im Song. Wo fällt Ihnen die Integration am schwersten? Ich fühle mich sehr integriert und bin hier nett aufgenommen worden. Natürlich geniesse ich auch das Privileg, eine Schweizer Partnerin und bereits eine Schar von Schweizer Freunden zu haben. Das Schwierigste ist aber wirklich die Sprache: Immer wenn ich denke, ich habe alles richtig gemacht, versteht mich wieder niemand (im Hintergrund hört man seine Frau Fabia lachen). Deswegen auch dieses Lied. Berndeutsch ist eine wunderschöne Sprache, aber unglaublich kompliziert. Das gesamte deutsche Sprachgefühl stimmt hier überhaupt nicht mehr. Ich musste wirklich ganz von vorne anfangen.

Ihr Berndeutsch klingt gar nicht mal so schlecht. Wie lange und vor allem wie haben Sie geübt? Den Song kann ich auswendig und verstehen tue ich mittlerweile fast alles.Es ist allerdings schwierig, praktische Erfahrung zu sammeln. Wenn ich versuche ein höflicher Gast zu sein, dann verstehen mich die Leute einfach nicht. Mit Hochdeutsch klappt es wesentlich besser.

Wie spricht denn ihre Berner Frau Fabia mit Ihnen? Meistens Hochdeutsch und manchmal Berndeutsch – vor allem wenn sie mit mir schimpft (lacht). Ich kenne schon eine Menge Schimpfwörter…

Der Song wurde von Oli Bösch, dem Tonmeister von Züri West und Stiller Has, produziert. Stehen Sie auch mit den Kuno Lauener und Endo Anaconda in Kontakt? Bereits bevor ich in der Schweiz lebte gehörte ich einmal zum Vorprogramm von Endo Anaconda. Ich liebe ihn und seine Band. Seit ich in der Schweiz lebe, haben wir wieder Kontakt. Ich habe ihm auch schon «Bärndütsch» vorgespielt und er hat sich darüber gefreut und mitgesungen.

Zu Beginn des Liedes bezeichnen Sie sich selbst als «faulen deutschen Immigranten». Schaut man sich Ihren Tourneekalender an, scheinen Sie aber alles andere als faul zu sein… Ich bin in Phasen faul...

Sie sind mittlerweile seit 20 Jahren auf den Bühnen Deutschlands unterwegs, wie sieht es mit Auftritten in der Schweiz aus? Ich spiele jedes Jahr in rund zehn Städten in der Schweiz. Die nächsten sind am 28.2. im Elchclub, Ostermundigen und am 10.3. im Dynamo in Zürich.

Sind weitere Mundart-Songs geplant? Jetzt geniesse ich erst Mal den Ersten. Es wird schwierig noch einen draufzulegen... aber irgendwann mache ich das bestimmt noch einmal...

...das klingt nach einem Versprechen! Ich setzte mich mit diesem Versprechen gerne unter Druck.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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