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Vom Pionier zum Geisterlabel

Nach dubiosen Geschäften ist Nation Music pleite. Weil die Plattenfirma niemanden vorwarnte, ist nun ein guter Teil der in der Schweiz produzierten Rap-Songs digital nicht mehr verfügbar.

Ebenfalls vom Konkurs bei Nation Music betroffen: Der Bündner Rapper Gimma (2. v.l.), der in den letzten Jahren mehr als Autor denn als Rapper in Erscheinung trat. Hier bei einem Auftritt 2009.
Ebenfalls vom Konkurs bei Nation Music betroffen: Der Bündner Rapper Gimma (2. v.l.), der in den letzten Jahren mehr als Autor denn als Rapper in Erscheinung trat. Hier bei einem Auftritt 2009.
Keystone

Wäre das Ende von Nation Music ein Song, würde darin über Enttäuschung, Verrat und Wut gerappt. 2004 vereinten sich in Aarau die Plattenfirmen Nation Records und Dialog Records, der Vertrieb Hiphopstore.ch und das Onlinemagazin Aightgenossen.ch zum ersten Schweizer Label, das auf Black Music spezialisiert war, also auf Rap- und Soulmusik. Dreizehn Jahre später ist die Nation Music GmbH pleite.

Schwierige Rettung

Infolge des Konkursverfahrens, das seit dem 25. April läuft, wurde der Verkauf der Musik gestoppt. «Lost Nation Music Releases»: Diese Worte tippt Yanik Stebler am 9. Mai 2017 über das Webformular, das er einrichtet, als er erfährt, dass der gesamte Musikkatalog von Nation Music in den nächsten Tagen vom Markt verschwinden soll.

«Am 11. Mai waren bereits die ersten Titel auf iTunes offline», erzählt Stebler, dem das Bieler Indie-Hip-Hop-Label No Hook gehört. Ein Stück Schweizer Musikgeschichte drohe verloren zu gehen. «Alle wichtigen Schweizer Rap-CDs kamen zwischen 2005 und 2014 bei Nation Music heraus», sagt er. Baze, Gimma, Big Zis oder Bligg hatten Hits bei Nation Music, aber etwa auch Soulgrössen wie Seven, der 2010 zu Sony wechselte.

Nun müssen sich viele Musikschaffende ein neues Label suchen oder die Daten selber über digitale Plattformen vertreiben. Hier aber liege die Krux, so Stebler: «Von vielen älteren, nicht mehr aktiven oder kleinen Acts sind die Originaldateien, -covers und -codes nicht mehr vorhanden oder müssen mühsam zusammengesucht werden.» Ob iTunes eine Lösung bieten könne, sei noch ungewiss.

Dubiose Vergangenheit

Dass etwas nicht stimmte, hatten Vertragspartner der Nation Music GmbH und deren Vertrieb Biztribution in den letzten Jahren gespürt. Tantiemen wurden nur auf Verlangen der Künstler abgerechnet. Wie diverse von ihnen berichten, warten sie bis heute auf Abrechnungen aus Zeitspannen von ein paar Monaten bis zu über vier Jahren.

Auf Anrufe und E-Mails kam späte oder keine Antwort. «Ich war mir manchmal nicht mehr sicher, ob es Nation überhaupt noch gibt», sagt der Berner Rapper Nisl, der sein Album «Odr o nid» (2015) über Nation Music vertrieben hat. Vor einem halben Jahr habe er dann einen Teil seiner Tantieme erhalten. Auf weitere Forderungen verzichte er: «Der Betrag wäre zu klein und der Aufwand zu gross.»

In der Szene ist es ein offenes Geheimnis: Einer der Gründer sei wegen Veruntreuung angeschuldigt worden. Es soll um Geld für Drogen und Prostituierte gegangen sein.

Um mehr geht es für Musiker, die einen Künstlervertrag mit dem Label hatten. Er habe «sehr viel Geld» verloren, sagte der Bündner Rapper Gimma der «Südostschweiz». «Dass wir für die Jahresabrechnungen nachhaken mussten, war einer der Gründe, warum wir Nation Music verliessen», sagt der Berner Produzent und Manager Baldy Minder. Mit seiner Crew Chlyklass stieg er vor fünf Jahren aus und gründete ein eigenes Label.

In dieser Zeit kriselte es im Management von Nation Music. 2012 traten die beiden Gründer aus der Gesellschaft aus. In der Szene sei es ein offenes Geheimnis, dass einer von beiden wegen Veruntreuung angeschuldigt worden sei, wie ein Insider sagt. Angeblich sei es um Geld für Drogen und Prostituierte gegangen.

Viel geleistet

Die amtierenden Geschäftsführer sind Marc Brandtner und Florian Rieser, die sich seit 2013 mit dem Onlinehandel «Urban­people» ein zweites Standbein aufgebaut haben. Sie könnten aufgrund des laufenden Konkursverfahrens nicht Stellung nehmen, heisst es auf Anfrage.

Die Musikschaffenden betonen, dass Nation Music – besonders in den Nullerjahren – viel für den Schweizer Hip-Hop geleistet habe. Umso grösser sei nach dem Konkurs die Enttäuschung, dass sie nicht vorgewarnt worden seien, um zumindest ihre Musik zu retten. Ein DJ schrieb auf Facebook: «So ein Ende hat das Label nicht verdient.»

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