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Viel Innigkeit und viel Effekt

Ein stiller Auftakt mit donnernden Brechungen: Khatia Buniatishvili hat beim ersten Menuhin-Zeltkonzert mit Schubert und Liszt berührt und mit Strawinsky die Furiose markiert.

Svend Peternell
Khatia Buniatishvili in schwarz: Grossartiger Schubert-, Liszt - und Strawinsky-Abend in Gstaad am Menuhin Festival.
Khatia Buniatishvili in schwarz: Grossartiger Schubert-, Liszt - und Strawinsky-Abend in Gstaad am Menuhin Festival.
PD/Raphael Faux

Khatia ganz allein auf dieser Welt… Natürlich nicht. Aber Khatia ganz allein auf der Bühne dieser Welt. Das schon. Das Gstaader Zelt war am Freitagabend eine solche Bühne. Eine weite, fast leere, mit sechs grossen Topfpflanzen und einem Flügel bestückte, auf der Beflügelndes geschehen sollte.

Dank einer Person, die auf den Höhepunkt ihrer Karriere zurast und einen Namen hat, für den man einigen (Reise)-Aufwand auf sich nimmt: Khatia Buniatishvili eben, 32-jähriger Pianostar aus Georgien mit Wohnsitz in Paris, der sich mit gewagtem Outfit durchaus (erotisch aufgeladen) zu inszenieren weiss.

Schmollmundig verkörpert sie aber auch die Melancholikerin und ist schon mit Prädikaten wie Schwarzer Engel und Raubkatze versehen worden ist. Sie selbst legt Wert darauf, in ihrem Spiel echt im Gefühlsaudruck zu bleiben.

Doch keine Bildschirme

Dazu nimmt sie offenbar auch einen Vergrämungseffekt in Kauf: Die beiden Grossbildschirme beidseits der Bühne, die ihre virtuose Fingerfertigeit allen im 1800 Plätze fassenden Zelt hätten zugänglich gemacht werden können, wollte sie so nicht haben.

Und so hat die Festivalleitung auf ihren Wunsch hin auf die Schirme verzichtet - wiewohl das im Programmheft so angekündigt war. Das chinesische Piano-Phänom Lang Lang hatte vor zwei Jahren kein Problem damit - und punktete so zusätzlich bei jenen, die weit hinten oder rechts des Flügels sassen.

Voll bei Schubert

Und so macht die seit ihrem Karrierestart eng mit dem Saaner Festival verbundene Khatia Buniatishvili auf andere Weise mit ihrem Echtheitsanspruch auf sich aufmerksam: Mit ihrer sehr persönlichen Sichtweise etwa der vier lyrischen Impromptus D 899 op. 90 von Franz Schubert, die sie zu einem betörend wehmütigen Soundgebilde formt - hingebungsvoll und mit einem zarten Gestus interpretiert.

Foto: PD/Raphael Faux
Foto: PD/Raphael Faux

Man spürt es: Die zweifache Echo-Preisträgerin setzt sich gegenwärtig intensiv mit Schubert auseinander. Sie verknüpft klangliche Schönheit mit existenzieller Schwere und besticht mit weichen, intimen, meditativ inspirierten Klangbildern.

Bei den Klaviertranskriptionen von Schubert-Liedern durch Franz Liszt kann Buniatishvili auf den Subtext der Weltliteratur bauen. Aus den Goethe-Gedichten «Gretchen am Spinnrade» oder «Erlkönig» formt sie raffinierte Minidramen mit der einen oder anderen eigenwilligen Temposchleifung und -verzögerung.

Beim «Ständchen von Shakespeare» erweist sie sich in der Verbindung zweier Erzählstränge enorm stilsicher. In der Sechsten ungarischen Rhapsodie von Liszt verbindet sie ungarische Zigeunerglut mit moussierender französischer Eleganz.

Exzessiv und doch kontrolliert

Furios geraten die Akkordbrechungen und hingedonnerten Knalleffekte bei Strawinksys drei Sätzen für Klavier aus dem Ballett «Petruschka», die als sehr schwer spielbar gelten. Kein Problem für die georgische Ausnahmekönnerin, die nicht nur exzessive (An)schlagkraft und virtuose technische Kontrolliertheit demonstriert, sondern dem Werk über die ausser Rand und Band geratene Marionette auch die eine oder andere Kontrapunkt-Finesse angedeihen lässt.

Da wallen in diesem Kraftakt die schwarzen Haare, bebt der Körper in der schwarzen Robe, vibrieren die kräftigen Arme und rasen die Finger über die Tastatur - erbarmunsglos. Die Standing ovations von 1400 Menschen werden mit Liszts wuchtiger Rhapsodie Nr. 2 und Debussys stiller «Claire de Lune» belohnt. Effekt und Innigkeit - ein Zweigespann, das sich am Schluss rundet. Und Khatia ganz alleine auf dieser grossen Bühne in Gstaad - mit einem weiteren grossen Erfolg.

www.gstaadtmenuhinfestival.ch

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