Und irgendjemand näselt «Oh yeah, yeah, yeah!»

Jan Delay nahm an seinem Zürcher Konzert dem Publikum die Hüftsteifheit. Nebenbei verulkte er den Zugaben-Habitus.

«Derbe, oder?»: Jan Delay trat in Zürich auf. (Bild von einem anderen Konzert)

«Derbe, oder?»: Jan Delay trat in Zürich auf. (Bild von einem anderen Konzert)

Gags sind hier erlaubt. Sie gehören sogar fest zum Programm bei dem Mann, der den Abend regiert, als wäre er als Big-Band-Leader auf die Welt gekommen. Nur sind es eben seine Gags, seine Art von Humor: Jan Phillip Eissfeldt alias Jan Delay hat sie seinem Publikum über die Jahre sorgfältig eingeflösst. In seinem Universum tragen Alben wortspielerische Namen wie «Mercedes Dance», «Wir Kinder vom Bahnhof Soul» oder «Hammer & Michel». Und wenn es ihm beliebt, dann lässt er – 38 Jahre alt, stets sonnenbebrillt, immer in Bewegung – seine 11-köpfige Begleittruppe einen Song so spielen, als wäre sie derbstens bekifft. Nur weil gerade jemand einen Hosentaschenvorrat Haschisch auf die Bühne geworfen hat. Und weil er es lustig findet.

Oder er verulkt, zum Abschluss des Hauptprogramms nach knapp eineinhalb Stunden, mal eben den ganzen Zugaben-Habitus. Und zwar indem er das Stück «Oh Johnny» immer wieder neu aufnimmt und freudig ruft: «So, hier noch etwas Disco als Zugabe! Derbe, oder?»

Überhaupt ist alles «derbe» und «fett», was er für gut taxiert. Was diese eigentlich aus der Mode gekommenen Begriffe bei ihm bedeuten, das macht er seiner sich wandelnden Zuhörerschaft nun seit zwanzig Jahren klar. Erst als Rapper der Pop-Rap-Gruppe Beginner, dann als Jan Delay. Erst für Hip-Hop-Fans, dann für alle, die seine näselnde Stimme ertragen und sich vorstellen konnten, zu deutschsprachiger Musik zu tanzen. «Mercedes Dance» von 2006 manifestierte seinen erklärten Versuch, eine ewig währende deutsche Tanzplatte zu schaffen, und sie ist so schlecht nicht gealtert. Die Stücke fahren in die Beine.

Seine Öffnung hin zur tanzbaren Allgemeingültigkeit kam jahrelang einem einzigen Triumph gleich: Ob mit Reggae, Disco, Funk oder weitgehend schnörkellosen Balladen konnte er Platinschallplatten einheimsen, Konzerthallen und Stadien füllen. Ein cooler Konsens-Sound von jemandem, der eigentlich nichts mehr hasst als den Konsens.

Was fehlte, war der Ledermief

In diesem Frühjahr bekam sein Spaziergang durch die Stile erstmals echten Gegenwind: Jan Delay hatte sich aus dem angestammten Terrain der Black Music herausgewagt und sich in der Rockmusik versucht. Es hagelte Kritik. Und auch in den Charts tauchte das Album blitzschnell wieder ab. Es war halt wirklich Bauklötzchen-Rock, was er da präsentierte: zu wenig prollig, zu durchdacht, zu sehr auf «funky» getrimmt. Denn irgendwie ist bei Jan Delay ja alles «funky».

An seinen Konzerten, wie an dem in der tropisch heissen, dicht gefüllten Maag Event Hall am Montagabend, ist der Rock eine Stilnote unter vielen. Er reiht sich eigentlich ganz gut in das Instrumentarium von Eissfeldts Party-Big-Band ein. Reinrassige Nummern zu zimmern, darum geht es hier gar nicht. Da kommen etwa Latin-Percussions, ein Funk-Bläsersatz, Rockriffs und Soulstimmen zusammen. Dazu werden zwei riesige Fahnen geschwenkt, wie es jamaikanische Künstler zuweilen zu tun pflegen. Und irgendjemand näselt: «Oh yeah, yeah, yeah!»

Alles wird hier verwoben, neu interpretiert, mit Coverversionen versehen und mit Interaktionsspielen verknüpft. Mittlerweile funktionieren seine Konzerte abgekoppelt von seinen Aufnahmen. So hört man den grossen Pop-Reigen (er sei ein «Popschwein», hat er immer mal wieder gesagt): Lenny Kravitz, die Beastie Boys, «Word Up!» von Cameo, «Paradise City» von Guns N' Roses, Missy Elliott oder Blur – versehen mit Näselgesang. Dazu wird auf Aufforderung der Formationstanz geübt. Er tut alles, um den Leuten für zwei Stunden ihre Hüftsteifheit zu nehmen.

Es ist denn auch eigentlich kein Konzert, was das Publikum hier erlebt, sondern eine Unterhaltungsshow mit hohem Partizipationsfaktor. Um den Mann mit dem durchschwitzten Hemd und dem verschmitzten Grinsen arbeitet eine hochpräzise Dampfmaschine. Und eins macht sie richtig gut: Dampf.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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