Überschätzt: Bob Dylan, dieser Kojote

Manche Dylan-Auftritte bleiben unvergessen, doch viele sind von seiner Schadensstimme geprägt: Ein Blöken, ein Japsen, ein Nölen.

Am Kitschklavier: Bob Dylan live im Jahr 2003.


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Manche seiner Auftritte bleiben unvergessen, sein Konzert vor 200'000 Menschen in Blackbushe zum Beispiel, einem Flughafengelände südlich von London. Das war am 15. Juli 1978, Bob Dylan spielte, sang und hatte gute Laune. Er trug 35 Lieder vor und gab eines der längsten Konzerte seines Lebens. Ich war 18 Jahre alt, leicht beeinflussbar und schwer begeistert.

Das war mein erstes Konzert von ihm. Das dritte hörte ich in der Basler St.-Jakobs-Halle, das war neun Jahre später, Tom Petty und seine Heartbreakers begleiteten ihn, alles versprach einen grossen Auftritt, doch der geriet zum Desaster. Dort vernahm ich sie zum ersten Mal: Dylans Schadensstimme. Dieses näselnde Wimmern, ein Blöken, ein Japsen, ein Nölen, gelegentlich zu einem Bellen gesteigert. Was Anthony Scaduto erkannte, sein erster Biograf, dass hier nämlich einer töne «wie ein Kojote im Stacheldraht»: Es bleibt als Karikatur dessen, was Dylan an seinen schlechten Konzerten von sich gibt, bis heute gültig.

Er durchlitt im Laufe seiner Karriere zwei lange, quälende Phasen, in denen die meisten seiner Auftritte zur Tortur verkamen; jeden anderen hätte man für solche Darbietungen von der Bühne gejagt. Das erste Tief ereilte ihn Ende der Achtziger. Dylan befand sich in einer künstlerischen und persönlichen Krise. Er war übergewichtig und meist betrunken, verstümmelte seine Texte und zersägte die Strophen, meistens merkte man erst beim Refrain, welchen Song er meinte. In dieser Verfassung spielte er 1987 in der St.-Jakobs-Halle und vier Jahre später auf dem Berner Gurten.

Das schlimmste Konzert

Die zweite Schreckensphase dauert nun seit einigen Jahren an, wobei Dylan als Sänger bessere und schlechtere Momente hat. Und schauderhafte. Das hat damit zu tun, dass seine Stimme fast komplett hinüber ist, weil er dauernd auf Tournee ist, statt sich zu schonen und uns dazu. Die tapfer vorgebrachte Behauptung, Dylan singe seine Songs nicht, er interpretiere sie – es stimmte früher, es stimmt kaum je für die Auftritte der letzten Jahre. Sein letzter Auftritt in Montreux, das war vor vier Jahren, bleibt mir als das schlimmste Konzert in Erinnerung, das ich von ihm je gehört habe. Und ich habe ihn 30-mal gehört.

Aber egal, wie gut oder schlecht er singt, seine Fans halten zu ihm, gefangen in einer freiwilligen Geiselhaft. Sie erfreuen sich an einzeln gelaubsägelten Zeilen, sie beklatschen seine asthmatische Mundharmonika, sein Spiel am Kitschklavier. Und sie werden im Sommer nach Montreux zurückkehren, wenn er wieder spielt. Wenn das Schlechte so viel Applaus bekommt wie das Gute, was ist das Gute dann noch wert?

Vergleichen Sie Dylans Stimme damals und heute selbst:

«Visions of Johanna» (1966/2015):

«Love Sick» (1998/2015):

«Tangled Up in Blue» (1975/2015):

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2016, 12:49 Uhr

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