Übers Meer mit Greis

Ein nachdenkliches und doch hoffnungsvolles Album: Der Berner Rapper Greis erfindet sich auf «Hünd i parkierte Outos» nicht neu. Und das ist gut so.

Gibt sich härter, als er ist:?Greis (37) ist ein Grübler – auch wenn die Rapperpose anderes vermuten lässt.

Gibt sich härter, als er ist:?Greis (37) ist ein Grübler – auch wenn die Rapperpose anderes vermuten lässt.

(Bild: Janosch Abel)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ein russisches Geisterschiff voller Ratten. Irgendwo da draussen treibt es im Nordatlantik, das ehemalige Kreuzfahrtschiff mit dem poetischen Namen Lyubow Orlowa. Führerlos, für immer verlassen. Diese leicht gruselige Geschichte machte Anfang 2013 Schlagzeilen in den Zeitungen.

Nun wird die «Lyubow Orlowa» – benannt nach einer sowjetischen Schauspielerin – noch einmal aus der Versenkung geholt. Bekommt ein ihr würdiges Ende: Der Berner Rapper Greis besingt sie im gleichnamigen Song. Es ist nicht das einzige versöhnliche Stück auf diesem insgesamt nachdenklichen Album «Hünd i parkierte Outos».

Der Grübler

Da ist auch «Santa Maria» – ein Lied der Hoffnung. Greis gibt den Glücksrittern, die von Nordafrika den Weg nach Europa suchen, eine Stimme. Lässt sie träumen von der besseren Welt, die sie per Schiff erreichen wollen, einem Schiff, das sie selbst bauen und «Santa Maria» nennen. «Wott nume ne Job u nes Bett zum Schlafe – au im Dorf heimers aavertrout – i trage d Hoffnig, woni o nid darf versoue.» Es sind die Geschichten, die wir zwar ahnen, die nebst all den Schlagzeilen von Toten, Terror und Flüchtlingskrise aber verloren gehen.

Oder «Toujours Ensemble». Der 37-jährige Greis besingt nicht mehr die Verliebtheit, sondern das Gefühl danach. Den Liebesalltag, der pragmatisch und weitgehend schmetterlingslos stattfindet: «I bi di Heud u mache Revolution, aber du wosch numme dasi ufruum, wenni ha kochet.»

Doch das ist gar nicht so schlecht, wenn man dem französisch gesungenen Refrain glaubt, der sinngemäss übersetzt Folgendes sagt: «Wenn wir alt, arm, hässlich und verschrumpelt sein werden, dann wird uns das egal sein, weil wir immer noch zusammen sind, wir werden zusammen zu Asche reduziert.» Ein eingängiger Refrain, der Rappern sonst nicht so leicht gelingt. Greis schon.

Liebe, soziale Missstände und all das mit einem politischen Unterton. Das ist Greis, und er muss sich nicht mehr neu erfinden. Denn Greis ist der sensible, der grüblerische, der weiche unter den Schweizer Rappern. Einer, der seit achtzehn Jahren auf Bühnen steht und doch immer noch offen an sich selbst zweifelt. Zum Glück kann er mittlerweile auch spielerisch mit diesem Image umgehen. Spielerisch ist auch die Präsentation des Albums. In limitierter Auflage ist es als Comic verfügbar. Das Bieler Grafikkollektiv Hyperraum hat die Songs gezeichnet.

Der Gratwanderer

Klassischer Rap ist das nicht mehr, war es bei Greis im Grunde genommen nie. Der grosse Teil der Songs besteht aus Sprechgesang mit melodischen Refrains. Greis scheute sich nicht, mit Musikern anderer Genres zusammenzuarbeiten, zum Beispiel mit Chansonnier Michael von der Heide. Das macht Greis für Massen tauglich, für Fans abwechslungsreich, für harte Rap-Fans etwas zu weich und beliebig.

Aber das kann ihm eigentlich egal sein. Denn Greis hat längst seinen Platz und wird im Gegensatz zu vielen anderen häufig am Radio gespielt. Das Radio ist es übrigens auch, das im Song «Lyubow Orlowa» eine tragende Rolle hat. Das im Atlantik treibende Schiff ist nämlich von einem letzten Matrosen bewohnt.

Der Funkkontakt ist abgerissen, die Konservendosen leer, die einzige Hoffnung, die ihn noch trägt, ist die Stimme von Electric-Blanket-Sängerin Helena Danis. Aus dem Funkgerät erklingt eine Sonate in unbekannter Sprache, die den einsamen Matrosen schliesslich in eine andere Welt führt.

Greis: «Hünd i parkierte Outos», Soundservice. Plattentaufe: 4.?12., Dachstock, Bern.

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