Töne für ein Dauergrinsen

Mit Humor, Backen ­voller Puste und Soli, Soli, Soli: Die Clayton Brothers eröff­neten die letzte Woche des ­Berner Jazzfestivals.

Bemerkenswerte Puste: Trompeter Terell Stafford, Bandpapa John Clayton und Saxofonist Jeff Clayton (von links).

Bemerkenswerte Puste: Trompeter Terell Stafford, Bandpapa John Clayton und Saxofonist Jeff Clayton (von links). Bild: Beat Mathys

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Wie viele Songs braucht eine Jazzband, um durch den Abend zu kommen? Ein halbes Dutzend reicht vollkommen. Kein Witz. Wenn soliert wird wie bei den Clayton Brothers, dann brauchts wenig Kompositionen für viel Glückseligkeit.

Den Jazz-Traditionspflegern im guten alten Bebop wird das ­exzessive Kräftemessen bisweilen als Macho-Pose vorgeworfen. Aber es wäre falsch, den fünf ­US-Gentlemen ihre Spielfreude zu verübeln. Zu gut hauen die Claytons den Zuhörerinnen und Zuhörern in Marians Jazzroom die Töne um die Ohren. Und zu gut ist, was zwischen den Tönen passiert.

Da ist der stolze Bandpapa am Bass, John Clayton (65), Grammy-Gewinner, der die heiteren Ansagen macht und während der Songs per Dauergrinsen die Musik seiner Band geniesst. Sein Bruder Jeff Clayton (64), ein Weltklassesaxofonist, der schon mit allerlei verstorbenen und lebenden Legenden gespielt hat, von Stevie Wonder über Frank ­Sinatra, Ella Fitzgerald und B. B. King bis Michael Jackson. Er ist der Showman mit den Faxen.

Bemerkenswerte Backe

Und da ist Terell Stafford (51). Wenn er seine bemerkenswerte rechte Backe mit Luft befüllt, folgt allerkräftigste Trompetenkunst. Alte Schule, aber technisch brillant und auf den Punkt vorgetragen. Nach seinem Solo folgt das Ritual: Er tritt neben die Bühne, zieht sein Taschentuch aus dem Anzug, tupft zuerst den Speichel vom Mundstück und dann den Schweiss von der Stirn, um sogleich seinem gerade solierenden Bandkumpel ein aufmunterndes «Yeah, go ahead!» zuzurufen.

Wenige Songs, lange Soli: Tönt langweilig. Doch die Stücke der Gebrüder Clayton decken ein breites Spektrum ab. Von der klassischen Bebop-Nummer «Big Daddy» über Cha-Cha-Cha in «Cha Cha Charleston» über eine bluesig-rockige Hommage an B. B. King bis zur langsamen Pianonummer: Alles ist dabei.

Tasten drücken wie im Schlaf

Zur Begeisterung des bestens gealterten Publikums tragen letztlich aber die zwei Jüngsten im Saal entscheidend bei: Obed Calvaire (36) am Schlagzeug und Pianist Sullivan Fortner (31). Fortner schaut das ganze Konzert über mit kühlem Blick im Raum umher, als drückte er die Tasten im Schlaf. Je länger, je mehr lässt er sein Talent aufblitzen. Nach ein, zwei Soli ist auch er richtig warm. Bei der pianolastigen Nummer gegen Ende gehört der Saal dann ihm.

Ähnlich läuft es Drummer Calvaire, der sein Instrument immer mehr aus der Defensive spielt und zum Schluss nicht nur technisches Können, sondern ein lautstärkemässig differenziertes Spiel hinlegt, das man bei den älteren Semestern der Band, besonders bei Trompeter Terell Stafford, dann und wann etwas vermisst.

Eine Zugabe gibt es nicht beim ersten Konzert der Woche, denn die Zeit ist um. Das ist schade, doch es steht noch ein weiteres Konzert an. Statt sich in den Backstageraum zurückzuziehen, tupfen sich die Männer noch einmal den Schweiss von der Stirn, packen ihre Instrumente und verlassen mit dem Publikum den Saal. Ein weiblicher Fan drückt Jeff Clayton ein adrett eingepacktes Geschenk in die Hand. Was für ein herzerwärmender Abend.

Weitere Konzerte: Doppelkonzertabende mit den Clayton Brothers und Harry Allen’s Saxomania,Do bis Sa, Marians Jazzroom, Bern. www.jazzfestivalbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.05.2018, 14:10 Uhr

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