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Tinu Heiniger: «Um Gottes willen, ich bin kein Schriftsteller!»

Ein Buch schreiben? Nein, das konnte sich Musiker Tinu Heiniger zuerst gar nicht vorstellen. Doch er hat seine Meinung geändert: Im soeben erschienenen Band «Mueterland» erzählt er Geschichten über seine Emmentaler Heimat, über das Kämpfen und das Versöhnen.

Markus Zahno
Physisch kehrt er selten in seine alte Heimat zurück, in Gedanken ist er aber oft hier: Tinu Heiniger auf der Scheidegg oberhalb Langnau.
Physisch kehrt er selten in seine alte Heimat zurück, in Gedanken ist er aber oft hier: Tinu Heiniger auf der Scheidegg oberhalb Langnau.

Herr Heiniger, die Geschichten in Ihrem Buch sind sehr persönlich. Fiel es Ihnen schwer, etwa über die Auseinandersetzungen mit Ihrem Vater zu schreiben? Tinu Heiniger: In meinem bisherigen Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass schwierige emotionale Dinge einfacher werden, wenn man dazu steht, auch wenn das schmerzlich ist. Die Psychotherapeutin Alice Miller formulierte es so: «Bevor wir uns versöhnen können, müssen wir an den Ort, wo es wehgetan hat.»

Versöhnlicher werden: Ist das eine Frage des Alters? Nicht nur. Auch im Sport gibt es schöne Beispiele: Im Hockey gibt man sich, auch wenn der Match noch so emotional war, am Schluss die Hand. Sogar die Boxer umarmen sich nach dem Kampf. Nur wer sich gerieben hat, kann sich auch versöhnen.

Dass Sie Ihre politische Meinung nicht für sich behalten, sorgt für viele Reibungsflächen. Ich will mich – behüte! – nicht mit Max Frisch vergleichen. Aber kürzlich habe ich im Fernsehen ein altes Gespräch mit ihm und Bundesrat Kurt Furgler gesehen. Der Advokat und Politiker Furgler war völlig in seiner Rolle und in seinen Meinungen gefangen, Frisch dagegen erlaubte sich alles. Reden und schreiben können, ohne an eine Wiederwahl denken zu müssen, das ist die Freiheit des Poeten, des Künstlers.

Sie kämpften in den Siebzigern erfolglos gegen AKW. Ist es befriedigend, mitzuerleben, wie die öffentliche Meinung nun gegen die AKW umschwenkt? Es war kein erfolgloser Kampf, immerhin wurden die AKW in Kaiseraugst und Graben nicht gebaut. Trotzdem klopfe ich mir nach der Katastrophe in Fukushima jetzt nicht auf die Brust und verkünde stolz: «Ich hab es ja immer gesagt.» Mir gibt aber zu denken, dass man Abermillionen Menschen dazu bringen konnte, zu glauben, ihre AKW seien sicher. Mani Matter fragte in einem seiner Lieder: «Mues eigentlech geng alls verhimuheilanddonneret sy?»

Auch in Ihrem Heimatdorf Langnau wurde, wie Sie sagen, einiges «verhimuheilanddonneret». Ich bin in der Schreinerei Heiniger-Schär an der Oberstrasse aufgewachsen. Vor unserem Haus war die grosse Hösumatte mit einer kleinen Böschung, wo wir Kinder Ski fahren lernten. Als dort eine Überbauung geplant wurde, haben sich mein Vater und mein jüngerer Brüetsch mit Flugblättern gewehrt. Mit Erfolg; das Stimmvolk sagte Nein. Also mussten neue Pläne her, diesmal weniger hoch und mit mehr Platz zwischen den Häusern. Mit dieser Überbauung kann man leben. Aber Matten, die überbaut wurden, und schöne Häuser, die verschwunden sind – sie fehlen halt trotzdem.

Am Montag lesen Sie in Langnau aus Ihrem Buch. Kehren Sie sonst noch oft zurück? Es gibt nicht mehr viele Gründe, nach Langnau zu gehen, meine Eltern sind ja auf dem Friedhof. Mit der Familie der Eisenwarenhandlung Wüthrich&Co. habe ich nach wie vor Kontakt, schliesslich war ich fünf Jahre mit Christine Wüthrich verheiratet. Wir haben zusammen einen Sohn, den Michu.

Diese Eisenwarenhandlung trotzt der Zeit: Der Holzboden knarrt, die Waren lagern fein säuberlich in Hunderten Holzschubladen und es ist immer noch alles zu haben, was der Handwerker und die Hausfrau brauchen: Beschläge, Schrauben, Nägel et cetera. Grossartig! Vor allem musst du, wenn du eine Schraube brauchst, nicht gleich ein Hunderterpack kaufen, sondern bekommst auch eine einzelne. Und wenn du das Portemonnaie zückst, heisst es: «Lass nur, es isch scho guet.» Den persönlichen Kontakt unter den Leuten schätze ich an Dörfern wie Langnau oder Schöftland, wo ich heute wohne, sehr.

Wie kamen Sie eigentlich dazu, ein Buch zu schreiben? Ich erzähle ja oft auch in meinen Liedern Geschichten, zum Beispiel im Nieselied oder in der Eigerwand-Ballade. Bei meiner 1.-August-Rede 2010 in Entfelden las ich drei meiner Geschichten, die im Lauf der letzten Jahre entstanden sind. Verlagsfrau Eva-Maria Wilhelm hörte sie, war begeistert und fragte, ob es mehr davon gebe. Ich dachte: «Um Gottes willen, ich bin doch kein Schriftsteller!» Schliesslich konnte sie mich aber überzeugen, meine Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen. Und dann, auch mit Hilfe von Bänz Friedli, brachte ich die Geschichten in eine sprachlich stimmige Form.

Sie wurden heuer 65-jährig. Denken Sie daran, sich pensionieren zu lassen? Ich bin Musiker, niemand pensioniert mich. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man Erfahrungen, und was man daraus gelernt hat, gerne weitergibt. Und was die Musik und das Alter betrifft: Chris Barber spielt mit 81 auch immer noch Posaune. Ich habe den Verdacht: Musik hält jung.

Montag, 23.Mai, 20 Uhr, im Elite an der Dorfstrasse 29 in Langnau.

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