Meister-Drummer zu Besuch

Fredy Studer gehört zu den wichtigsten und vielfältigsten Schlagzeugern. Kürzlich hat er ein Doppelalbum mit Soloaufnahmen herausgebracht. Nun kommt er für ein Konzert nach Bern.

Vom Rock- zum Jazz- und später zum Improvisationsschlagzeuger: Fredy Studer Foto: Dragan Tasic

Vom Rock- zum Jazz- und später zum Improvisationsschlagzeuger: Fredy Studer Foto: Dragan Tasic

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Was ist das Wichtigste, was ein Schlagzeuger…? «Timing!», ruft Fredy Studer und schmunzelt nur. Der Witz ist alt. Studer sitzt in einem Café unweit des Bahnhofs in Luzern, seiner Heimatstadt. Dort, wo sie begann und seit mehr als 50 Jahren andauert, diese musikalische Laufbahn sondergleichen, die auch sehr viel mit Timing zu tun hatte «und mit dem nötigen Glück», wie er sagt, «weil ich immer mit guten Leuten spielen konnte».

Es habe neben ihm ja einen Haufen guter Schlagzeuger gegeben. «Aber man kann noch so gut sein, wenn man im Schneckenloch sitzt, geht nichts. Man muss präsent sein in der Szene und es dann auch bringen.»

Durchbruch mit OM

Fredy Studer, Autodidakt, letztes Jahr 70 geworden, hat es gebracht und wurde zu einem der wichtigsten und vielfältigsten Schlagzeuger Europas. Ein Virtuose, der von der Basler Trommel her kommend sich erst 16-jährig das erste Mal an ein Schlagzeug setzte.

Quelle: Youtube

Der Durchbruch gelang ihm 1972 mit der Band OM. Eine der ersten Bands, die Rock mit Jazz verbanden und so zu den wegweisenden Electric-Free-Jazz-Formationen Europas avancierten. Zuerst seien sie noch als Eklektiker verschrien worden, sagt er, ein Jahrzehnt nach der Gründung aber habe man schon von grenzüberschreitender, avantgardistischer Musik gesprochen.

Was dann folgte, ist eine lange und fruchtbare Reise durch etliche Formationen, Ensembles und Projekte auf der ganzen Welt. Von Südafrika bis Taiwan. Von Russland bis Kanada. Studer spielte mit Pierre Favre, George Gruntz, Franco Ambrosetti, mit Irène Schweizer, mit Koryphäen wie Dave Holland oder Miroslav Vitous, um nur ganz wenige zu nennen. Er entwickelte sich vom Rock- zum Jazz- und später zum Improvisationsschlagzeuger.

Jimi Hendrix

Letztes Jahr hat er ein Doppelalbum mit Soloaufnahmen herausgebracht, «Now’s the Time» heisst es und wird von der Fachpresse in höchsten Tönen gelobt. Damit ist er nun auf Tour und gibt Solokonzerte. Am Mittwoch spielt Fredy Studer im Progr.

Zum Doppelalbum gibt es auch ein Buch, das mit Bildern,Texten und einem Interview die Karriere Revue passieren lässt. Eine gute Gelegenheit, mit ihm ein bisschen über das Leben und eben das Timing zu plaudern. Denn eines ist klar, Fredy Studer war, und er sagt es selber, zur richtigen Zeit im richtigen Milieu mit dem richtigen Hunger auf Musik und der nötigen Disziplin: in den 1970er-Jahren. «Es war einfach eine Zeit, in der die Musik explodierte», sagt er.

Auch an seinen Solokonzerten will Studer vor allem eines: Eine gute Geschichte erzählen. Foto: Ben Huggler

Sein prägendstes Erlebnis, das erzählt er immer wieder, war ein Jimi-Hendrix-Konzert im Januar 1967 in London. «Für mich gibt es ein Leben vor und eines nach Hendrix», sagt er. «Ich hatte so etwas vorher noch nie gehört. Dieser Mix, die Vielfalt, das Spektrum, und alles so unglaublich intensiv. Ein Wahnsinnserlebnis.» Da habe er gemerkt, um was es gehe.

Hendrix’ damaliger Schlagzeuger Mitch Mitchell wurde zu Studers Vorbild. Später hat er irgendwo gelesen, dass dessen Vorbild wiederum ein gewisser Elvin Jones gewesen war, Drummer in John Coltranes Quartett. «Dann bin ich in den Plattenladen gerannt und habe mir das angehört. So lief das damals. Zuschauen, zuhören, ausprobieren.»

Die Musik explodierte. Innerhalb weniger Jahre hätten sie einen wahnsinnigen Kosmos kennen gelernt, sagt Studer. Und zählt die Bands alle auf. Von den Beatles zu Stockhausen. Von Weather Report zu Miles Davis. Von Ravi Shankar zu Gamelan-Musik. Hören, schauen, lernen, ausprobieren. Immer wieder.

Alles hätten sie aufgesogen. «Das Klima war ein anderes», sagt er, «man wusste ja nicht, wohin es mit der Welt geht. Alles schien möglich. Es gab einfach diese kurze Zeitspanne, in der sehr vieles sehr offen war.»

Hash, Speed, LSD

Apropos ausprobieren. Hash, Speed, LSD, auch das gehörte dazu. «Wir haben Drogen nicht genommen, um uns zuzudröhnen, sondern um damit zu arbeiten», sagt er. «Das hat uns geholfen, ohne intellektuelle Vorbildung ziemlich komplexe Musik intuitiv zu verstehen.» Ja, die wilden 70er, das waren Fredy Studers Lehrjahre, seine Ausbildung, sein Fundament, auf dem er aufbaute.

Musik war damals noch eng mit dem Leben verbunden, war politischer und viel mehr noch Ausdruck gesellschaftlicher Zustände. Deshalb heisst, mit Fredy Studer über Musik zu reden, auch über das Leben zu reden, zu philosophieren, über die Ohnmacht, den Wahnsinn in der Welt. «Man darf den Künstler aber auch nicht überbewerten», sagt er. Ein Schuhmacher oder ein Bäcker beschäftige sich auch mit den Rätseln des Lebens, nur würden sie nie danach gefragt.

Klar, auch er spricht davon, dass Musikmachen ihn in Sphären bringt, die man in einem «normalen» Leben nicht einfach so erlebt, wenn es während eines Konzerts «einklinkt und fliegt, wie bei einem Orgasmus». Er glaubt aber nicht, dass alle danach suchten, sich auszudrücken. «Die Musik, die ich mache, ist ja Luxus und eigentlich zwecklos.»

Es gehe dabei nur um ihn und um jene, die sich in dem Moment dafür interessierten. «Ich habe lediglich den Anspruch, eine Geschichte zu erzählen und die Leute mitzunehmen. Im Idealfall entsteht dabei ein Ganzes.»

Üben, üben, üben

Ein ganzes Leben lang hat Fredy Studer nun Musik gemacht, und kein Ende ist in Sicht. «Ich könnte noch 10000 Jahre weitermachen und hätte nie ausgelernt», sagt er. Sofern die Inspiration nicht nachlasse. Und die hält er aufrecht, indem er sich auch heute immer wieder neuen Herausforderungen stellt, mit neuen Bands und in neuen Formationen spielt, immer wieder neue «Lösungen» suchen muss für neue Musik, so wie er das schon ein ganzes Leben getan hat.

Noch immer übt er vier Stunden pro Tag und bekommt einfach nicht genug. «Aber ich bin kein Fachidiot», sagt er noch. «Ich interessiere mich auch für andere Dinge im Leben. Musik ist lediglich im Zentrum. Ich könnte auch ohne sie leben. Aber es wäre hart. Sehr hart.»

Konzert: Mittwoch, 13. Februa, Progr, Turnhalle, im Anschluss an das Konzert des Berner Ausnahmegitarristen Dimitri Howald. Ab 20.30 Uhr.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt