Strom statt Stream

Thom Yorke, der Sänger von Radiohead, hat am Samstag ein neues Soloalbum veröffentlicht – über den Downloadservice BitTorrent.

Abschied vom Musikbusiness: Thom Yorke, hier bei einem Konzert mit Radiohead im Sommer 2012.

Abschied vom Musikbusiness: Thom Yorke, hier bei einem Konzert mit Radiohead im Sommer 2012.

(Bild: Reuters Hugo Correira)

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Noch sind die Schockwellen nicht abgeebbt, die U2 vor knapp zwei Wochen auslösten, als sie ihr neues Album an einer Produktepräsentation von Apple veröffentlichten – 500-millionenfach direkt in die Mediatheken der iTunes-Kunden. Und schon folgt ein weiterer grosser Name des Rockgeschäfts mit einer ähnlichen Überraschung: Thom Yorke, der Sänger von Radiohead, hat heute Samstag ohne Ankündigung und Promo sein zweites Soloalbum via BitTorrent veröffentlicht: Via den Downloaddienst kann man sich die neun Songs von «Tomorrow’s Modern Boxes» hier für sechs Dollar laden, der Song «A Brain In A Bottle» und das dazugehörige Video sind gratis.

Der Coup ist umso überraschender, weil die Musikblogs gerade noch über ein neues Album von Radiohead spekuliert hatten. Die britische Band, war zu lesen, sei zurück im Studio, um den Nachfolger von «The King of Limbs» aufzunehmen. Dieses Album war 2011 nur ein paar Tage nach seiner Ankündigung mit einer gedruckten Zeitung veröffentlicht worden. Und «In Rainbows» (2007) hatten Radiohead übers Internet lanciert, nachdem sie der EMI, ihrer langjährigen Plattenfirma, gekündigt hatten: Wer die Platte kaufte, konnte den Preis selbst bestimmen. Doch obwohl sich sehr viele Fans die Musik gratis luden, verdiente die Band damit nach unbestätigten Angaben mehr als mit einem herkömmlichen Plattendeal.

Gegen das Streaming

Auch die Veröffentlichung von «Tomorrow’s Modern Boxes» via BitTorrent kann man als Kampfansage an die alte Musikindustrie wie auch an die neuen Streamingdienste verstehen. In einem offenen Brief, den Thom Yorke und sein Produzent Nigel Godrich zur Platte posteten, sprechen sie von einem «Experiment», mit dem sie herausfinden wollen, ob diese Technologie für den Vertrieb von Musik funktioniert. «Wenn ja, könnte dies ein effizienter Weg sein, um einen Teil der Kontrolle über die Geldströme im Internet den Leuten zurückzugeben, die die Musik kreieren.»

Yorke und Godrich suchen also nach einem Weg, wie Künstler ihre Musik und Videos selbst und direkt an die Fans verkaufen und so die «selbst ernannten Gatekeeper» des Internets umgehen können. «Wenn das funktioniert, kann das jeder genauso machen», schreiben sie, weil der Torrent-Mechanismus weder Server noch eine Cloud benötige. Im Gegensatz zum herkömmlichen Download einer Datei nutzt Dorrend – engl. für «Strom» oder «Sturzbach» – die Upload-Kapazitäten auf den Computern der Käufer. Die Musik wird also nicht nur von einem Server aus verteilt, sondern auch von Nutzer zu Nutzer. Yorke und Godrich: «Die Datei ist im Netzwerk.»

Auch als Vinyl

Das Experiment mit BitTorrent ist also auch eine Antwort auf die Umwälzungen im Musikgeschäft: Immer mehr Songs und Alben werden nicht mehr gekauft (als CD, Vinyl oder Download), sondern gestreamt. Die Verdienstmöglichkeiten der Künstler bei den kommerziellen Streamingdiensten sind dabei aber sehr gering. Letztes Jahr hatte Thom Yorke darum via Twitter angekündigt, seine erste Soloplatte («The Eraser», 2006) wie auch sein Album mit den Atoms for Peace («Amok», 2013) nicht mehr über Spotify anzubieten. «Tomorrow’s Modern Boxes» ist folglich derzeit nur über BitTorrent erhältlich sowie als Vinyl.

Der Preis von 6 Dollar für das neue Album liegt kaum zufällig nahe bei jenen 5 Pfund, die, wie Umfragen ergaben, sehr viele Fans vor sieben Jahren freiwillig für «In Rainbows» von Radiohead bezahlten. So oder so, die neuen Songs von «Tomorrow’s Modern Boxes» sind ihren Preis definitiv wert. Sie bieten die bekannten Qualitäten: vertrackte Clubbeats und die melancholisch temperierten Gesänge von Thom Yorke, hübsch verschlüsselte Texte und avanciert vertupfte Synthesizerklänge. Doch ist der Radiohead-Sound hier breiter aufgefächert, die frontalen Beats von «There Is No Ice (For My Drink)» stehen neben einer tief verschatteten Synthesizerelegie wie «Truth Ray». Künstlerisch ist das Experiment schon jetzt gelungen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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