Stadtrandblues

Das Traktorkestar feiert das 10-Jahr-Jubiläum und bietet dazu eine Werkschau. «Ostring» heisst sie, benannt nach dem Berner Quartier an der Stadtgrenze. Ein Treffen mit Bandleader Balthasar Streit an ebenjenem Stadtrand.

Anfangs eine Balkan-Combo, heute eher jazzig unterwegs: Das Traktorkestar wird zehn Jahre alt.

Anfangs eine Balkan-Combo, heute eher jazzig unterwegs: Das Traktorkestar wird zehn Jahre alt.

(Bild: zvg)

Marina Bolzli@Zimlisberg

«Ja, mir da us – und üse Stadtrandblues», singt Simon Jäggi im herrlich melancholischen Song «Freudenberg» auf dem neuen Traktorkestar-Album. Freudenberg nennt sich jener freudlose Ort in Berns Osten, wo sich Autobahn, Strasse und Tramschleife kreuzen. Wo man von der Pizzeria Strada aus freien Blick auf den Feierabendverkehr auf der Autobahn hat. Vorbeiziehende Lichter in der Nacht, endlos.

Und hier sitzt Balthasar Streit, Bandleader des Traktorkestars, vor sich eine Cola. Er hat eine unerwartet lange Reise ab Hauptbahnhof Bern hinter sich. Zurzeit fahren die Trams nicht, die Gleise werden saniert. Busse gibt es, abends starten sie erst ab Station Zytglogge, weil auf dem Bundesplatz das jährliche Lichtspektakel läuft. Und dann Stossverkehr, der Bus bewegt sich im Schritttempo durch den kühlen Regen. Es muss schon einen guten Grund geben, dass man diese Strapaze auf sich nimmt.

«Im Wort ‹Ostring› vereinen sich der Bern- und der Balkan-Bezug.»Balthasar Streit, Bandleader Traktorkestar

Streit kennt das Quartier gut, er ist um die Ecke in die Schule gegangen, hatte seine erste eigene Wohnung hier, vom Balkon aus Blick auf die Autobahn, ein stetiges monotones Rauschen. Und darum auch wusste er vor allem anderen: Ostring, das neue Album sollte Ostring heissen. Da hatte das Traktorkestar die Songs noch nicht einmal geschrieben. «In diesem Wort vereinen sich der Bern- und der Balkan-Bezug, es steht auch für eine Haltestelle, eine von vielen», sagt er.

Vor zehn Jahren gründete Balthasar Streit die Brassband als Balkan-Combo. Er war inspiriert von der Blasmusik im Balkan, hatte die Musik am berühmten Brassmusikfestival im serbischen Guca entdeckt. Mit befreundeten Blasmusikern adaptierte er Stücke aus diesem Sprachraum, sehr schnell hatte die Combo den Ruf als Partyband, viele Auftritte folgten, bis heute sind es über fünfhundert Konzerte. Doch der Balkan hat sich in dieser Zeit immer mehr aus ihrer Musik verabschiedet. Im nun erscheinenden fünften Album gibt es nur noch ein Neuarrangement eines traditionellen bulgarischen Songs als Re­ferenz an die Balkan-Zeit. Die anderen zehn Stücke sind entweder Eigenkompositionen oder Covers, alle eher jazzig angehaucht.

Hat das Traktorkestar genug vom Balkan? Balthasar Streit lacht. «Wir haben einfach sehr viele Ideen», sagt er. Und fügt auf Nachfrage dann doch an: «Mit der Zeit kam von immer mehr Bandmitgliedern der Wunsch auf, eigene Songs zu komponieren, und unser Hintergrund ist nun einmal hier und nicht im Balkan.» Heute bringt jeder der zwölf Musiker seine Ideen ein, gemeinsam probieren sie aus, merken rasch, ob etwas funktioniert oder nicht. «Es passiert auch immer wieder, dass etwas in die Schublade wandert.» Und sowieso, der Balkan-Groove werde nie ganz verschwinden, denn spätestens an den Konzerten fordere das Publikum dann doch das eine oder andere Stück. «Diese Erwartungen muss man auch bedienen», sagt Streit.

Ansonsten gibt es auf dem Album viel Spiellust, mal eher jazzig-fanfarig wie auf dem ersten Stück «The Fine Line», mal total groovig wie in «S 431 DT», das zurückhaltend beginnt, sich steigert und steigert und schliesslich ausufert zur ultimativen Tanznummer. Oder dann «Eisbahn», ein Song, der eher anmutet wie eine aufregende Fahrt mit der Eisenbahn, vorbei an endlosen Wäldern, kleinen Dörfern, In­dustriegebieten, und schliesslich die Einfahrt in die Grossstadt.

«Wir haben extrem viel gelernt bei der Zusammenarbeit mit Stephan Eicher.»Balthasar Streit 

Was die Alben der Band seit dem Anfang auszeichnet, sind die Gastsänger. Auf dem aktuellen gibt es drei davon. Einerseits Stephan Eicher auf dem ver­spielten, zarten «Morgeflug». Mit Eicher verbindet das Traktorkestar eine besondere Beziehung. Die Band ist in den letzten zwei Jahren monatelang mit dem Barden getourt und hat gemeinsam mit ihm auch das Album «Hüh!» veröffentlicht. «Wir haben ex­trem viel dabei gelernt, Eicher arbeitet ganz anders als wir, spielt mehr mit den schon bestehenden Songs, dadurch sind auch wir als Band flexibler geworden.»

Und dann auch Schmidi Schmidhauser und Simon Jäggi, mit beiden hat das Traktorkestar schon auf früheren Alben zusammengearbeitet. Während mit «Agatha» ein bestehendes Stück von Schmidhauser neu arrangiert wurde, hat Jäggi zwei Songs geschrieben, die anschliessend von Tenorsaxofonist Thierry Lü­thy vertont wurden. «Es waren gewissermassen Auftragskompositionen», sagt Streit. Und so ist Jäggi mit dem Fahrrad im Ostring herumgekurvt, hat sich inspirieren lassen von der Autobahn, vom Zentrum Freudenberg, von der Stimmung hier im Ostring, wo die Strassen in der Nacht «zumene wüetende Heer» werden. Es ist eine Hymne an dieses Quartier. Und als Balthasar Streit es wieder verlassen will Richtung Zentrum, fährt ihm der Bus vor der Nase davon.

Traktorkestar: «Ostring», Irascible. Live: Fr, 25.10., Rathausplatz Thun; Sa, 2.11., Sägegasse, Burgdorf (mit Schmidi Schmidhauser); Fr, 13.12., Le Singe, Biel (mit Simon Jäggi); Sa, 21.12., Dachstock Reitschule, Bern (mit Überraschungsgästen).

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt