Sophie Hungers Liebeserklärung an Patent Ochsner

Erst etwas distanziert, gewährte Sophie Hunger bei ihrem Auftritt am Gurtenfestival doch noch persönliche Einblicke.

Sophie Hunger und die Bierflasche.

Sophie Hunger und die Bierflasche.

(Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Sie wuchs am Fusse des Gurten auf, als Kind hat sie hier Pfadi-Übungen gemacht. Ihr erstes Konzert, das sie als 9-Jährige besuchte, war Patent Ochsner. Und jetzt steht sie da: Sophie Hunger, mit wild hängenden Haaren, ungeschminktem Gesicht, im kleinen glitzernden Abendkleid und ordentlichen Stiefeln, mit einer Bierflasche, die sie über den Kopf erhebt, bis sie sich der Gitarre widmet.

Eine Frau der Widersprüche, eine, die dem Publikum nicht geben mag, was es erwartet. Eine mit einer Ausstrahlung, die an die weite Welt erinnert. Unnahbar, als ob sie gerade nicht hier in ihrer Heimat in einem Zelt stehen würde, hinter den Wänden vermutlich Kühe und vor der Bühne erwartungsfrohe Menschen, die den Altersdurchschnitt auf dem Gurten um zwei, drei Jahre erhöhen. Ein aufmerksames Publikum, zu dem Sophie Hunger nicht sofort einen Draht aufnimmt. Nach drei Liedern hat sie immer noch nichts zu den Zuschauern gesagt, sie liefert eine beinahe distanzierte Show, lässt die Gitarre sprechen und ihre Songs.

Bassistin Martina Berther spielt ihre Gitarre mit einem Geigenbogen, das Publikum tobt, Berther hat einen eigenen Fanclub im Publikum. «More fe­male rolemodels» steht auf dem Transparent – mehr weibliche Vorbilder! Man spürt eine Energie, eine Kraft auch. Das neueste Album der 36-jährigen Sängerin ist elektronischer, vom Folk der früheren Jahren hat sie sich verabschiedet. Die Stimmung ist sphärisch, verspielt, die Bässe wummern.

Kollektive Verliebtheit

Und dann, nach knapp 20 Minuten, plötzlich ein: «Guete Aabe, Gurte!», Applaus. Und ein fast erleichtertes Lachen bei Hunger. Plötzliche Redseligkeit, sie nennt Adresse, Strasse und Hausnummer, wo sie aufgewachsen ist – als ob sie es selber kaum glauben könnte, dass sie nun so nah von zu Hause spielt. Dabei ist es nicht das erste Mal. Auch 2011 und 2013 war sie auf dem Gurten. Aber noch nie gleichzeitig mit Patent Ochsner, die nur 15 Minuten nach ihr auf der Hauptbühne spielen werden.

Und wie um ihren Jugendhelden einen Tribut zu erweisen, stimmt sie plötzlich den «Hotelsong» an. «Weni ändlech wieder bi dir bi». Das Publikum liegt ihr zu Füssen, klatscht, ist in einer kollektiven Verliebtheit. Und, als ob das nicht genug wäre, wirft Hunger nun ihre gebrauchte Wasserflasche ins Publikum. Ein Fankult, der auch einer Frau gut steht.

Einer Frau, die nun intensiv ihre Gitarre bearbeitet und später «Heicho» anstimmt, ein Song vom 2015er-Album «Supermoon». Eine Fernwehballade und Liebeserklärung an die Mutter. Sowieso geht es an diesem Konzert um Liebeserklärungen. «Wär het am meischte Liebes­chummer vo dr Wäut?», fragt Sophie Hunger ins Publikum. Irgendwo hinten geht die Hand einer gewissen Chantal in die Höhe. «There Is Still Pain Left» soll Chantal trösten. Und Sophie Hunger nimmt ihre Aufgabe ernst: «Chantal, you should be kissing me», singt sie.

Wachgeküsst

Wer am Schluss wen küsst, ist zu dieser Zeit noch nicht klar. Aber jeder weiss: Sophie Hunger hat das Publikum wachgeküsst. Und alles, was an diesem Abend noch folgen wird, ist Zugabe.

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