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Skizzen eines Porträts

Bob Dylan veröffentlicht Aufnahmen aus den späten 60er-Jahren, die den offiziellen Versionen weit überlegen sind.

Schmierte gerade nicht im Kitsch ab: Bob Dylan spielt im Olympia Theater in Paris. (Mai 1966)
Schmierte gerade nicht im Kitsch ab: Bob Dylan spielt im Olympia Theater in Paris. (Mai 1966)
Keystone

Ob er damals mit Absicht ein schlechtes Album machte, um seine Fans abzuschütteln, die ihn für den Erlöser hielten – er hat das in seinen «Chronicles» behauptet. Ob ihm alles egal war und er nach seinem Motorradunfall und der Wiedergenesung lieber Ehemann und Vater seiner vier Kinder war als Amphetaminsänger mit Stromgitarre: Auch das mag eine Rolle spielen.

Jedenfalls bleibt das Doppelalbum «Self Portrait» von 1970, was für ein höhnischer Titel, eine von Bob Dylans schlimmsten Veröffentlichungen: eine lieblos zusammengestoppelte, mit greinenden Instrumentalspuren überzuckerte Sammlung von Fremdkompositionen, Livestücken und unfertigen Songs.

Griff in die Geschichte

Nicht zum ersten Mal hielt Dylan die weit besseren Aufnahmen zurück. Deshalb gibt es auch schon zehn Ausgaben der sogenannten «Bootleg Series». Von keinem anderen populären Musiker lässt sich so viel Unveröffentlichtes in einer so hohen Qualität nachreichen. Bei «Another Self Portrait» erweist sich die Fallhöhe zwischen dem bekannten und dem neu zugänglich gemachten Material als derart hoch, dass man sich fragen muss, ob Dylan manche Aufnahmen zu persönlich findet, um sie mit anderen zu teilen.

Das jetzt veröffentlichte Material dokumentiert einen Musiker, der gerade nicht im Kitsch abschmiert, sondern sich revitalisiert durch Rückgriffe auf die amerikanische Musikgeschichte: die Wehmut des Country, die Beschwörungen des Gospels, die kargen Klagen der Folkmusik. Was damals als Verweigerung kritisiert wurde, klingt jetzt wie die organische Fortsetzung der 107 Lieder der «Basement Tapes» von 1967, auch sie nur in Teilen nachveröffentlicht.

Die vier CDs der neuen Bootleg Series, von Greil Marcus ebenso überschwänglich annotiert, wie er die damalige Ausgabe verrissen hatte («What is this shit?»), versammeln 52 unveröffentlichte Aufnahmen: zartbittere Coverversionen sowie eigene Stücke oder Versionen, die Dylan für «Nashville Skyline», «Self Portrait» oder «New Morning» umpräparierte. Dazu gibt es das Konzert von 1970 auf der Isle of Wight, wo Dylan mit The Band auftrat und in seinem weissen Anzug so tat, als sei er Hank Williams. Und als Zugabe das originale «Self Portrait» im neuen Mastering.

Virtuos im Verzicht

Von der musikalischen Melasse gereinigt, kommt die Begegnung mit den Originalaufnahmen einem Schock gleich. Die Musik bleibt skelettal arrangiert, einiges klingt unfertig wie eine Probe. Der Sänger und seine Begleiter aus Nashville halten sich an skizzenhafte Arrangements, deren Intimität erst die Intensität des Vortrags herausstellt. Dylans Stimme klingt verletzlich und entblösst. «A poem is a naked person» hat er einmal geschrieben, und damit sind diese Aufführungen perfekt umschrieben. In ihrer Schönheit vollführt sich die Virtuosität des Verzichts. Es sind die gesungenen Gedichte eines Nackten.

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