Zum Hauptinhalt springen

Sing alles raus

Die Gegenwart des Indie-Rock wird von jungen Künstlerinnen wie Lindsay Jordan bestimmt. Als Snail Mail trat die 19-Jährige am Zürich Openair auf.

«Für mich sind meine Songs super gay, aber viele merken das gar nicht»: Lindsey Jordan alias Snail Mail am Zürich Openair. Foto: Sabina Bobst
«Für mich sind meine Songs super gay, aber viele merken das gar nicht»: Lindsey Jordan alias Snail Mail am Zürich Openair. Foto: Sabina Bobst

Dieser Sommer war lang und heiss, und wie träge und träg machend er bei aller Schönheit zuweilen war, ist gleich zu Beginn des Konzerts von Snail Mail am Zürich Openair zu hören – genau in jenen Momenten, in denen sich der Sommer für dieses Jahr wohl endgültig verabschiedet. Die Gitarre, die Lindsey Jordan spielt, schliert Akkorde hin, die Band steigt zu langsam ein, und Jordan – deren 19 Jahre nicht auf den cool designten Promobildern, sondern erst jetzt erkennbar sind, wenn sie in ihrer schwarzen Kluft auf der Bühne steht – singt im Song «Heat Wave» mit einer narkotisierenden und sehnsüchtigen Stimme über ihr Dasein während einer Hitzeperiode.

Die Amerikanerin mit den wasserstoffblonden Haaren muss ihren Mund gar nicht weit öffnen, um die Zeile «Heat wave got nothing to do» immer wieder auszudehnen. In ihrer Stimme ist der Ennui einer tagträumenden End-Teenagerin angelegt. Sie erzählt in diesem geschickt geschriebenen Song aber auch von einer unglücklichen Liebe zu einer mysteriösen Frau mit grünen Augen. Darum geht es: alles herauszusingen, was einen bedrückt. Ihr Gesang streift jetzt das Grimmige und erinnert mit der angedeuteten Kraft an eine Emo-Rockerin; selbst hier, an diesem allzu frühen Nachmittag, als erst eine verstreute Hundertschaft den Weg auf das Rümlanger Festivalgelände gefunden hat, spürt man, dass sich Jordan in ihrer Zone befindet. Dort, wo sie alles ausser ihren Songs ausblendet.

Laut, stolz, feministisch

Der Indie-Rock, den sie als Snail Mail schreibt, ist denn auch ganz anders gelagert als jener, den etwa 90er-Helden wie Pavement spielten, die den Typ des nachlässigen Slackers prägten. In der Gegenwart ist nichts cool und schon gar nichts peinlich, auch nicht die Musik von Coldplay oder Avril Lavigne, mit der eine wie Lindsay Jordan aufgewachsen ist und die sie noch immer liebt. Das hat viel mit ihrem Selbstverständnis, ihrer Identität zu tun. «Ich bin laut und stolz, lesbisch, feministisch, erscheine maskulin und liebe es, über Gefühle und Trennungen zu singen», sagt Lindsey Jordan im Gespräch nach ihrem Konzert. Jene, die sich über sie ärgern, sollen halt eigene Platten aufnehmen.

Sehr viele sind es nicht, die über Snail Mail lästern. Auch weil Lindsey Jordan nicht die einzige sehr junge Songwriterin ist, die gerade an der Indie-Geschichte weiterschreibt. Da sind auch Kolleginnen wie Julien Baker, Soccer Mommy oder Lucy Dacus, die mit ihr zusammen als neue Indie-Generation gelten. Hat sie dieses Etikett nie gestört, das nach Artikeln in der «New York Times» an ihr klebt? «Natürlich nervte das am Anfang, denn wir klingen ja doch ziemlich verschieden», erzählt Jordan. «Aber mittlerweile finde ich es aufregend, Teil dieser neuen Welle zu sein: Wir treffen uns immer wieder an Festivals, und es ist cool, von Frauen umgeben zu sein.»

Im Juni erschien auf dem Tra­di­tionslabel Matador ihr Debüt «Lush». In diesen Songs wirkt nichts nachlässig, aber auch nichts kalkuliert. Vielmehr trifft Jordan, die sehr lange an den Songs und Sounds feilt, genau jene Schnittstelle zwischen musikalischer Genauigkeit und lyrischer Offenherzigkeit, die nicht nur queeren Teens aus dem Herzen spricht. «Für mich sind die Songs super gay, aber viele merken das gar nicht», sagt sie.

Es sind Songs wie «Pristine», der hell beginnt und mit einem verzweifelten «I’ll still love you the same» endet. Oder «Let’s Find an Out», der von ihrer Fingerfertigkeit an der Gitarre lebt. Und wenn sie am Schluss ihres Festivalauftritts ganz allein das geliehene Lied «The Second Most Beautiful Girl in the World» spielt, singt sie ergreifend, aber nicht von sich selbst ergriffen.

Aber wie war denn nun dieser Sommer, der so vieles verändert hat in Lindsey Jordans Karriere und den sie konstant auf Tour verbracht hat? «Recht dunkel, denn ich habe die Partys meiner Freunde zu Hause schon beobachtet.» Nicht, dass sie sich beklagen möchte; sie liebe die Konzerte, das Unterwegssein, und sie habe viel über sich selber gelernt – aber sie sei halt ein Sommerfreak, und ein wesentlicher Bestandteil ihres Daseins sei bisher das Nichtstun gewesen. «Aber auf jeden Fall war das ein besserer Sommer als jener, in dem ich ‹Heat Wave› geschrieben habe.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch