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Sicherheit statt Slipknot

Ein Flirt mit Brachialrockern. Singen im Besenschrank. Flöte spielen mit Brian Eno. Hitsängerin Dido sorgt nach langer Pause mit dem dritten Album «Safe Trip Home» für Aufsehen.

Und bleibt sich selber treu. «Zuhause schreie ich die ganze Zeit Songs. Richtig aggressive Songs. Sie haben es nur noch nicht auf die Platten geschafft.» Das sagte im Jahr 2004 eine junge Frau namens Florian Cloud de Bounevialle O’Malley Armstrong gegenüber dem Musikmagazin «Q». Besser bekannt war und ist die Dame als Dido. Dieser Name, entlehnt bei der mythischen Gründerkönigin des antiken Karthago, schmückte zwei Solostudioalben mit sanfter, warmer Popmusik, die sich sagenhafterweise weit über 20 Millionen Mal verkauften. Dido hatte die Erfolgsformel geknackt. Und plagierte trotzdem: «Sag niemals nie. Es kann sein, dass ich den Stil radikal ändere. Es kann sein, dass ich ein Mitglied von Slipknot werde.» Ganz ernsthaft dürfte sie diesen Flirt mit der maskierten amerikanischen Brutalrockband nicht gemeint haben. Und doch. Als nach dem zweiten Album «Life for Rent» fünf Jahre – für Popmusikverhältnisse eine Ewigkeit – ohne neue Studio-CD verstrichen, durfte man gespannt sein: Wenn das Goldkehlchen keinen Anlass sieht, ihre Popularität sofort weiter auszunutzen – ändert sie am Ende tatsächlich die Formel, mit der sie sanfte Songs zu glitzernd-glänzendem Gold gemacht hatte?

Singen mit Staubsauger

Nun, was Dido von den Aufnahmen zu «Safe Trip Home» erzählt, hört sich nicht nach exzessivem Rock-’n’-Roll-Lifestyle an: «Ich habe meine Stimme neben einem Staubsauger in einem Schrank aufgenommen. Ich wurde ziemlich süchtig danach, dort drin zu singen.» Und wer Songs wie die erste Single «Don’t Believe in Love» hört, der merkt schnell: Da ist dieselbe Traurigkeit der Melodien und Stimmungen. Da ist dieselbe kristallklare, in den Vordergrund gerückte Stimme. Da sind dieselben zwiespältigen Gefühle und Gedanken in Sachen Liebe – authentisch, emotional, ehrlich. Und im Hintergrund breiten die Streicher eine wärmende Decke aus. Jawohl: Dido ist und bleibt Dido. Wer sie schreien hören will, muss ganz offensichtlich Zugang zu ihrem Zuhause kriegen. Auf «Safe Trip Home» gibts höchstens mal sanft stolpernde Beats («Quiet Times») oder verhalten peppige Handclap-Rhythmen («Us 2 Little Gods»).

Flöteln mit Brian Eno

Ganz ohne Überraschung lässt Dido, die bei den Aufnahmen viel stärker involviert war und etwa mitarrangierte und viele Instrumente selber spielte, die Hörerinnen und Hörer dann aber doch nicht zurück. Den Song «Grafton Street» hat sie mit keinem Geringeren als Soundmagier und Ambient-Pionier Brian Eno komponiert. Da sorgen Flötenintermezzi für Abwechslung und eine keltisch angehauchte Atmosphäre. Die wabernden Sounds in «Let’s Do the Things We Normally Do» sind für Dido-Verhältnisse schon fast experimentell. Und am Ende von «Safe Trip Home» ufert «Northern Skies» während satter neun Minuten aus. Allerdings wäre hier weniger mehr gewesen: Spätestens nach sechs Minuten droht akute Gähngefahr. Da wirkt die Britin viel stärker, wenn sie alles andere zurücknimmt und ihre Stimme die Songs (fast) im Alleingang tragen lässt. Das berührende «Look No Further» und das mit akustischer Gitarre begleitete «The Day Before the Day» sind Momente schierer, schimmernder Schönheit. So faszinierend wie der Blick vom Weltall auf die Erde, der das CD-Cover ziert. Auf ihrem Trip durchs Pop-Universum erfindet sich Dido nicht neu und nimmt mit «Safe Trip Home» am Ende den sicheren Weg nach Hause. Und Slipknot –die schreien Lichtjahre entfernt. CD: Dido, «Safe Trip Home», Sony BMG.

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