Selbstbewusste Verbeugung vor Mani Matter

Auf «Mani Matter – und so blybt no sys Lied» sind achtzehn Neuinterpretationen zu hören. Und ­sogar zwei noch nie gehörte Matter-Lieder. Das Album wird Matter durchaus gerecht.

Noti Wümié mit Rapper Greis nehmen bei «Die Strass, won i dran wohne» nur noch die Ausgangsstrophe, um dann mit den eigenen Songzeilen weiterzufahren. Eine selbstbewusste Verbeugung vor dem grossen Chansonnier. Video: Youtube/Zytglogge Verlag


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Neulich am Lagerfeuer. Wie zu besten Pfadfinderzeiten singt Jung und Alt zu einfachen Gitarrenklängen. Zuerst «Let It Be», dann «I han es Zündhölzli azündt». Woraufhin der deutsche Gast am Feuer bemerkt: «Das klingt ja wie ein Kinderlied!» «Das ist Mani Matter», entgegnen Junge und Alte etwas beleidigt. Mani Matter muss man doch kennen.

Natürlich, Mani Matter ist Volksgut. Volksgut, das mehr von den genialen Texten als den simplen Melodien lebt. Vielleicht deshalb ist es sehr leicht, Matter-Cover zu machen, aber sehr schwer, sie gut zu machen. Klingen sie nämlich zu ähnlich, greift man lieber zum Original. Davor sind auch manche Interpreten auf dem Album «Mani Matter – und so blybt no sys Lied» nicht ganz gefeit.

Zum Beispiel Max Urban & Zede mit «Hemmige», Ben Whale mit «Ds Heidi» oder Guillermo Sorya mit «Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama». Wobei bei Letzterem auch gleich klar wird, dass die Lieder in den seltensten Fällen zu viel Schnickschnack vertragen.

Max Urban & Zede mit ihrem Mani-Matter-Cover «Hemmige». Video: Youtube/HookUp Entertainment

Ben Whale über seine Motivation, Mani Matters «Heidi» zu covern. Video: Youtube/Zytglogge Verlag

So tönt der «Sidi Abdel Assar vo El Hama» im Jahr 2016, neuinterpretiert von Guillermo Sorya. Video: Youtube/Oscar Perez

Andere Neuinterpretationen sind Geschmacksache: Tim & Puma Mimi haben «Ds Lotti schilet» auf Japanisch übersetzt. Und es damit auch sinnentleert. Als Abwechslung ist es aber ziemlich lustig. Jürg Halter trägt «Us emene lääre Gygechaschte» auf Hochdeutsch vor, nur ganz minimal musikalisch unterlegt und sehr ernsthaft. Womit er der Vorlage durchaus gerecht wird.

Tim & Puma Mimi über ihre Neuinterpretation von «Ds Lotti schilet». Video: Youtube/Zytglogge Verlag

Bald konventionell, bald mutig

Alles in allem gelingt den Interpretinnen und Interpreten der Spagat gut. Sie nehmen Matter und stülpen ihm ihr eigenes Songkleid über. So interpretieren Lo & Leduc «Nei säget sölle mir» eigentlich ganz konventionell, durch ihre charakteristischen Stimmen und den tanzbaren elektronischen Klangteppich entsteht aber eine ganz eigene Version.

«Unsere Generation hat Mani Matter mit der Muttermilch aufgesogen.» - Lorenz Häberli von «Lo & Leduc». Video: Youtube/Zytglogge Verlag

Dasselbe gilt für Jeans for Jesus mit «Dynamit» und Stahlberger mit «Mir hei e Verein». Weiter weg vom Original entfernt sich Steff la Cheffe, die bei «Warum syt dir so truurig?» eigene Rappassagen hinzufügt. Das ist mutig und passt. Noti Wümié mit Rapper Greis nehmen bei «Die Strass, won i dran wohne» nur noch die Ausgangsstrophe, um dann mit den eigenen Songzeilen weiterzufahren (Video oben). Eine selbstbewusste Verbeugung vor dem grossen Chansonnier.

Für Manuel Stahlberger war Mani Matter die erste Begegnung mit schweizerdeutscher Musik. Video: Youtube/Zytglogge Verlag

Leise Systemkritik

Anders als beim ersten Coveralbum «Matter-Rock» (1992) sind unter den zwanzig Songs sogar zwei unveröffentlichte Songfragmente zu hören. Boni Koller (Text) und Tobias Jundt (Musik) haben sich «Eine vo de beschte Lüt» gewidmet. Leise System­kritik ist da zu hören, Matter schwingt unweigerlich mit.

Boni Koller über Mani Matter: «Mani Matter hat auf jeden, der Mundartmusik macht, Einfluss». Video: Youtube/Zytglogge Verlag

Bei «Was weiss i» von Melker sind Matters Einflüsse schon weniger spürbar. Es ist ein grossartig ausgearbeiteter elektronischer Song über Selbstzweifel angesichts all der Zustände in der Welt. Heute nicht weniger aktuell als damals.

Und ja, «I han es Zundhölzli azündt» ist auch zu hören. In der Rapversion von Baze klingt es definitiv nicht mehr wie ein Kinderlied. Auch nicht in deutschen ­Ohren.

Album:«Mani Matter – und so blybt no sys Lied», Zytglogge. Alle 20 neuen Matter-Covers können hier in voller Länge angehört werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.09.2016, 12:25 Uhr

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