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Seid ihr noch dabei?

Mit The Strokes und The White Stripes feierten Julian Casablancas und Jack White das bislang letzte Hurra des Rock ’n’ Roll. Ihre neuen Alben sind da nur noch Zeichen von Konfusion.

Rockstars: Julian Casablancas, Jack White. Fotos: Paul Morigi/Taylor Hill (WireImage)
Rockstars: Julian Casablancas, Jack White. Fotos: Paul Morigi/Taylor Hill (WireImage)

Würdigt man die nicht so weit zurückliegenden Verdienste von Jack White und Julian Casablancas, lässt sich sagen: Mit ihren Bands The White Stripes und The Strokes standen sie zu Beginn der Nullerjahre für die bislang letzte Phase, in der die Gitarrenmusik den Mainstream mitbestimmte. Nicht, dass die beiden Bands ausser der Gitarre und dem «The» im Namen musikalisch allzu viel gemeinsam gehabt hätten. Casablancas und seine Gang-Gefährten schrieben die New Yorker Rocktradition weiter – mit einem Sound, der Stadtlegenden wie Velvet Underground oder Television ­zitierte. White und seine damalige Frau Meg, die so einzigartig Schlagzeug spielte, standen für das Ruralere, für den Blues und die Essenz des Rockriffs, die sie mit dem notorisch gewordenen «Seven Nation Army» bis in die Fankurven der Sportstadien brachte.

The White Stripes: «Seven Nation Army». Quelle: Youtube

Natürlich sind sich White und Casablancas in dem Moment begegnet, in dem ihre Karrieren explodierten. Es war zu der Zeit, als die Frage «Retten die Strokes und die White Stripes wirklich den Rock ’n’ Roll?» mit Ja beantwortet werden konnte. Manchmal teilten sie sich neben den Bühnen und Schlag­zeilen gar Heim und Herd. Jack White ­erinnert sich in «Meet Me in the Bath­room» – einer üppigen und lesens­werten Oral History über die Zeit der letzten Rock-’n’-Roll-Wiedergeburt – an jene Nacht, als Julian Casablancas einmal in seinem Kinderzimmer übernachtete. Selbst das Pyjama musste das übercoole «rich kid» aus New York von White leihen. Die herzliche Episode zeigt, dass die beiden Charaktere bei allen gepflegten Bandrivalitäten auch Freunde waren, so gut es eben ging.

Ihre Lebenslinien berühren sich nun wieder einmal: Beide veröffentlichen fast zeitgleich neue Alben – White in eigener Sache, Casablancas als Teil seiner aktuellen Band The Voidz. Beide zeugen von der Krise, in der sich das Modell des Rockstars seit Jahren befindet. Und sie zeugen auch von einer geradezu zelebrierten Lustlosigkeit, weiter die Rockgockel mimen zu müssen.

Das Unausgegorene als Reiz

Zumindest bei Jack White kann man diese Verweigerungshaltung auch Lust am Experiment nennen. Nach einer Periode, in der der 42-Jährige fast überall auftauchte und sich in Bands wie Dead Weather verzettelte, nahm er sich eine Auszeit. Untätig blieb der Prediger des Analogen, der als Chef des verdienstvollen Labels Third Man seinen Vinylfetisch auslebt und viele übersehene, kantige Musiker fördert, aber nicht. Er mietete eine enge Wohnung in Nashville, nahm eine Tonbandmaschine mit und zeichnete allerlei Ideen auf. Mit verschiedenen Gastmusikern, Sängerinnen und einem DJ setzte er diese zusammen. Bei der Nachproduktion verwendete er erstmals auch digitale Techniken.

Der Prozess des Zusammenschnipselns hört man «Boarding House Reach» allzu gut an: Whites erstes Soloalbum seit vier Jahren klingt über weite Strecken so zernarbt, wie Frankensteins Monster aussieht. Nicht zu Beginn, wenn er recht zart, später aufjaulend liebeskranke Zeilen singt.

Aber spätestens dann, wenn er ein Stück wie «Corporation» montiert, das in den grossen Momenten dank einer Stevie-Wonder-Gedenkorgel Funken sprüht und in den restlichen Minuten ins Niemandsland zwischen experimentellem Track und klassischem Rocksong davongaloppiert. Dorthin, wo White wartet und ausruft: «Yeah, I’m thinking about starting a corporation.» Und dann nachschiebt: «Who’s with me?» Wer ist da noch dabei?

Jack White: «Corporation». Quelle: Youtube

Man sollte White aber schon folgen: «Boarding House Reach» zieht seine Reize aus der Unausgegorenheit und dem Konfusen, was man vom punkt­genauen Arbeiter nicht erwartet hätte. Natürlich: «Boarding House Reach» ist kein gutes Album, dafür ist es zu unentschieden. Aber es ist eines, das weit interessanter klingt als ein nochmaliges Bemühen der altbekannten Rockstarpose. Und besser in die amerikanische Trump-Gegenwart passt, über die White in der deutschen Ausgabe des «Rolling Stone» sagte: «Die Stimmung ist bedrückend und frustrierend.»

Endlich politisch

Frustriert oder zumindest enttäuscht von der Gegenwart ist auch Julian Casablancas, wie er in einem Interview mit dem Onlinemagazin «Vulture» sagte. Nicht nur wegen Trump, sondern auch vom Internet und von der Popularität von Musikern wie Ed Sheeran. Überhaupt interessiert Casablancas, dessen Hauptband The Strokes nach abgelöschten Alben auf Eis liegt, die Musik derzeit gar nicht so stark. Wichtiger sei ihm, der im Sommer 40 Jahre alt wird, die Politik. Er beklagt sich, dass das «politische Element» der Strokes immer vergessen gehe, weil sie nach 9/11 den Song «New York City Cops» von ihrem Debüt «Is This It» entfernen mussten.

The Strokes: «New York City Cops» (Live). Quelle: Youtube

Umso deutlicher muss er dieses «politische Element» mit seiner Band The ­Voidz betonen, mit der er nun das bereits zweite Album «Virtue» veröffentlicht. Ein Element aber, das untergehen muss unter dem musikalischen Wust, der hier in Überlänge ausgebreitet wird. Man hört zwar immer wieder die charmant dahingeschrubbelten strokeshaften Gitarren; man hört aber auch Metal, Dance und Grossraumpop, die Casablancas’ gewohnt ennuyante Stimme mit den Messages verschüttet.

The Voidz: «ALieNNatioN» (Audio). Quelle: Youtube

Die dann, wenn sie wie im eigentlich hübschen «ALieNNatioN» zu verstehen sind, auf reichlich plumpe Art Polizei­gewalt verurteilen. «Virtue» ist so ein spektakulär scheiterndes Album geworden. Eines, das man sich als Witz am Ende der Rockgeschichte vorstellen könnte. Wenn es Casablancas dabei nur nicht so fürchterlich ernst wäre.

Jack White: «Boarding House Reach» (Third Man/XL/MV); The Voidz: «Virtue» (RCA/Sony)

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