Deutsch und deutlich

Kritik

Rammstein donnerten gestern Abend im Zürcher Hallenstadion und erfüllten vorweihnächtliche Kundenwünsche.

Rammstein haben mit einem Erdbeben angefangen und sich noch gesteigert: Der Sänger Till Lindemann bei einem Konzert in Riga. (Archivbild)

Rammstein haben mit einem Erdbeben angefangen und sich noch gesteigert: Der Sänger Till Lindemann bei einem Konzert in Riga. (Archivbild)

(Bild: Keystone)

Jean-Martin Büttner@Jemab

Sie spielen eine Musik, die ihre Spannung aus der geschickten Variation des Immergleichen bezieht. Das sagt sich so leicht, aber damit es funktioniert, muss diese Spannung laufend erhöht werden. Ein bisschen so, wie es die amerikanische Filmfabrik Metro-Goldwyn-Meyer ihren Drehbuchautoren empfahl: mit einem Erdbeben anfangen und dann langsam steigern.

Für einmal brauchen Rammstein, das Männerkollektiv aus der ehemaligen DDR, etwas länger. Das Sextett beginnt flott und mit dem Stück «Die Sonne» samt Lichtgewittern, Rauchpetarden und im Takt fauchenden Flammensäulen. Es dauert aber etwas über eine halbe Stunde und bis zu «Mein Teil», ihrem Hohelied des Kannibalismus, bis das Konzert richtig auf Touren kommt. Wie immer verzichtet die Band auf alles Überflüssige, also Gitarrensoli zwischen den Strophen und Ansagen zwischen den Stücken.

Das Horrorkabinett

Rammstein beschränken sich auf das, was sie selber «Tanzmetall» nennen und aus Elementen von Techno, Industry und Heavy Metal kombinieren. Zum schmucklosen, präzisen Spiel der Rhythmusgruppe kommen hart gefräste Gitarrenriffs und dazu Sänger Till Lindemann mit seinem komisch grollenden Bariton. Hingebungsvoll singt er von Mord, Schmerz, Trieb und Angst, und zwar immer so, dass die Parodie gleich mitgeliefert wird. Rammstein ist halb Horrorkabinett, halb Kabarett, man könnte auch sagen: ein dreidimensionaler Comic.

Das fast zweistündige Abendprogramm der deutlichen Deutschen, vom Publikum selig mitgefeiert, orientiert sich an den bekanntesten Liedern ihrer Karriere. Diese Stücke wurden soeben, rechtzeitig für vorweihnächtliche Impulskäufe, zu einer Anthologie gruppiert. Wenn eine Band mit ihren grössten Hits auf Tournee geht, garantiert sie zwar die Erfüllung von Kundenwünschen, hat aber nichts Neues vorzutragen. Das mag erklären, warum ihr Auftritt am Montag im Hallenstadion sich gegen Ende deutlich steigert, aber nicht an ihr fantastisches Basler Konzert vor zwei Jahren heranreicht.

Wie in der Geisterbahn

Ihre Konzerte funktionierten wie eine Geisterbahn, hat man damals von Gitarrist Paul Landers erfahren. «Links faucht der Drache, rechts klappert das Skelett. Das haben wir gern, diese klare, kontrollierte Abfolge: Da sind wir ganz deutsch.» In einem eben veröffentlichten Interview gesteht sein Mitgitarrist Richard Kruspe, er würde gerne wieder einmal einfach auf der Bühne stehen – «kein Licht, keine Show, nur Rock ’n’ Roll». Man weiss jetzt, was er meint.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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