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Prinz trifft Prinzessin

Der deutsche Choreograf Felix Landerer übersetzt Georg Büchners Stück «Leonce und Lena» für Konzert Theater Bern in Tanz. Mit viel Humor, glitzernden Kostümen und einer betörenden Soundkulisse.

Momoko Higuchi ragt als Lena tänzerisch heraus. Foto: Gregory Batardon
Momoko Higuchi ragt als Lena tänzerisch heraus. Foto: Gregory Batardon

«Mein Leben gähnt mich an wie ein grosser weisser Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus.» So beklagt sich der gelangweilte Prinz im Stück «Leonce und Lena» von Georg Büchner (1813–1837). Wie übersetzt man das in Tanz? Der deutsche Choreograf Felix Landerer lässt Leonce (Andrey Alves) in Samthosen und Glitzerbluse schlaksig und orientierungslos herumtorkeln.

Bereits 2014 inszenierte Landerer auf Einladung von Tanzdirektorin Estefania Miranda für Konzert Theater Bern einen Literaturstoff. Damals nahm er sich Max Frischs «Homo Faber» an und machte daraus ein düsteres Psychogramm. «Leonce und Lena» hat einen deutlich weniger vertrackten Plot. Fast schon könnte man die Story mit Billy Wilders Erfolgsrezept «Boy meets Girl» zusammenfassen.

Prinz Leonce soll mit Prinzessin Lena verheiratet werden. Doch beide Königskinder haben keine Lust dazu und flüchten mit ihren jeweiligen Dienstboten. Auf der Reise treffen sie sich zufällig und verlieben sich. Als Roboter verkleidet, treffen sie im Schloss ein. Es wird geheiratet, und es fallen die Masken.

So die Fassade des Stücks, dessen subversives Potenzial sich erst dank den Wortspielen und der versteckten Zeitkritik entfaltet. Der jung verstorbene Autor, der die Uraufführung des Stücks nicht erlebte, machte sich über die gelangweilte Aristokratie ebenso lustig wie über die Naturschwärmerei der Romantik. Indem er die beiden Königskinder als Roboter auftreten liess, brachte er auch sein Unbehagen gegen die beginnende Industrialisierung zum Ausdruck.

Mit wummernden Bässen

Kommt das alles abhanden in einem Tanzstück? Keineswegs. Landerer gelingt es, seine Choreografie mit Sprache, Sound und Bühne zu einem Ganzen voller witziger Anspielungen zu verweben. Der beliebte Tänzer Winston Ricardo Arnon schlüpft dabei in die Rolle des Erzählers, der scheinbar am Tourettesyndrom leidet und das Publikum mit der Leier «Sometime someone has to do something about something» strapaziert.

Oder in fast schon dadaistischer Manier die Worte «Love, love, love, love» brabbelt, um die Handlung einer absehbaren Geschichte voranzutreiben. Die Bühne (Till Kuhnert) ist ein grosser Wurf: Ein verspiegelter Goldsaal evoziert den Königshof, der durch das Verschieben von Wänden und das Lichtkonzept ständig mutiert. Die Soundkulisse (Christof Littmann) reicht von wummernden Bässen bis zu höfischen Klängen und packt von Anfang bis Schluss.

Mit lächerlichem Hut

Tänzerisch ragt Momoko Higuchi als Lena heraus. In ihrem ersten Solo gibt sie die Rebellin, dreht sich um die eigene Achse, beisst sich scheinbar in die Wade und erinnert dabei zeitweise an eine Hysterikerin. Im Duett mit ihrer Gouvernante (Ana van Tendeloo) kommt es zu faszinierenden Spiegelbildern und bis sie Leonce endlich küsst, zu einem originellen Balztanz, bei dem die beiden Dienstboten eine nicht minder wichtige Rolle spielen. Zhiyelun Qj gibt den lustigen Lebemann Valerio, der Leonce als treuer Diener begleitet, und er stiehlt dabei fast dem müden Prinzen die Show.

Die Königin (Beatrice Panero) hat nicht viel zu tanzen. Sie trägt fast das ganze Stück über einen lächerlich hohen Hut und tritt ab und zu erhaben auf die Bühne. Die Kostüme (Franziska Ambühl & Melanie Häusler) könnten direkt vom Laufsteg einer Gucci-Modeschau stammen. Samt und Glitzer, Puffärmel und Tüll lassen die Aristokraten wie heutige Jet-Setter wirken. Langeweile, das ist auch dem postmodernen Menschen nicht fremd. Ein wenig Leonce steckt wohl in uns allen.

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